"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Mittwoch, 11. November 2020

Ein Lob auf den November

Auch gefallenes Laub kann leuchten.
No sun

No fun

No leaves

November 

Dieser Spruch soll in die Sitzbank eines Uni-Hörsaales in Hamburg eingeritzt sein. Ich gebe zu, auch mich hat der November-Blues ein bisschen erwischt. Trotzdem finde ich, dass der Monat besser ist als sein Ruf. Warum?

1) Der November ist gar nicht so grau, wie es immer heißt. Viele Bäume verlieren erst jetzt ihr Laub und leuchten vorher noch einmal in den buntesten Farben.

2) Es ist der ideale Monat zum Kochen. Wer sich gerne saisonal und regional ernährt, findet jetzt reichlich einheimisches Gemüse auf dem Markt. Und - anders als im Januar und Februar - hängen einem Kraut und Rüben noch nicht zum Hals heraus.

3) Einsamkeit kann sehr traurig sein, kommt aber, anders als uns die Dichter glauben machen wollen, im November nicht häufiger vor als in anderen Monaten. Wer nicht allein ist, muss die dunkle Jahreszeit schon gar nicht fürchten, denn: "In langen Nächten küsst es sich gut / Verliebte haben den Sommer im Blut" (Max Dauthendey). Auch Wilhelm Busch kannte den reizvollen Kontrast zwischen ungemütlichem Wetter und kuscheliger Zweisamkeit: "Was ist das für ein Gesause! / Es stürmt bereits und schneit. Da bleiben wir zwei zu Hause /  In trauter Verborgenheit / ... / Kein Wetter kann uns verdrießen. / Mein Liebchen, ich und du, / wir halten uns warm und schließen / hübsch feste die Türen zu."

4) Und egal ob mit oder ohne Liebchen, es ist der ideale Monat, um es sich in der Freizeit drinnen gemütlich zu machen, herumzupusseln, einfach mal im Bett zu bleiben, zu lesen, zu malen, zu basteln, zu nähen, Fotos zu sortieren, zu kochen, bei einer Tasse Tee über das Leben nachzusinnen, ... einfach alles zu tun, was man im Sommer bei schönem Wetter oft nur mit schlechtem Gewissen machen kann.

5) Wen das alles noch nicht tröstet, der sei auf die Kraft der menschlichen Phantasie verwiesen. Daran erinnert der Dichter Emanuel Geibel. Er beginnt sein Herbstgedicht mit einer veritablen Herbstdepression: "Ich sah den Wald sich färben / Die Luft war grau und stumm / Mir war betrübt zum Sterben / Und wusst es kaum, warum /" Doch dann sieht er einen Zugvogel wegfliegen und die Stimmung ändert sich. "Es mahnt aus heller Kehle / Mich ja der flücht'ge Gast: / Vergiss, o Menschenseele / Nicht, dass du Flügel hast." 

 6) Und zum Schluss sei hier noch das furiose Herbstgedicht "November" von Heinrich Seidel zitiert, das das herbstliche "Schlackerwetter" so richtig zelebriert.

Solchen Monat muss man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
Keiner so verdrießlich sein
Und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
Keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist ’ne wahre Pracht.

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
Wie sie tanzen in dem Wind
Und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
Und sie durcheinanderwirbelt
Und sie hetzt ohn’ Unterlass:
Ja, das ist Novemberspaß!

Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelstau
Ur und ewig, trüb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt’s an jedem Zweig,
Einer dicken Träne gleich.

O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch' unvernünft’ges Toben
Schon im Voraus hat bedacht
Und die Häuser hohl gemacht!
So, dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergnügtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem Gräuel schauen zu!

Donnerstag, 5. November 2020

Herbstgedichte - zwischen Fülle und Melancholie

"Im traurigen Monat November war's / Die Tage wurden trüber, ...", heißt es bei Heinrich Heine in "Deutschland, ein Wintermärchen". Ja, es ist November geworden und dieser Monat hat einen schlechten Ruf, gilt er doch als hässlicher kleiner Bruder des "goldenen" Oktober. Er beginnt gleich
mit dem Totengedenkttag, die Tage sind schon verdammt kurz und werden jeden Tag noch ein paar Minuten kürzer und trotzdem ist es zur Wintersonnwende und zum weihnachtlichen Lichterglanz noch weit hin. Vom Frühling - "welch sagenhaft fernes Gerücht!" (Mascha Kaléko) - gar nicht erst zu reden.

Veränderung

Das Doppelgesicht des Herbstes, der Übergang von einer Zeit der Fülle, der Ernte, der buntgefärbten Natur zu Dunkelheit, Kälte und Melancholie spiegelt sich in vielen Herbstgedichten wieder. Im "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke ist in den ersten beiden Strophen von "Sonnenuhren", "Früchten", "Vollendung" "Süße" und "Wein" die Rede, bevor der berühmte Vers folgt: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben." Der expressionistische Dichter Paul Zech beginnt ein Herbstgedicht mit dem großartigen Satz: "In Glanz und Gnade brennt der Wald zu Tal / Die Bäume halten ihr Gefühl nicht mehr" und endet mit "Der Regen rauscht, vertauscht das Tal. / Der Wald steht schwarz und abgedrängt."

Heine, Zeichnung F.T. Kugel
 Vergänglichkeit

Die Veränderung in der Natur mahnt an die Vergänglichkeit des Lebens überhaupt.  "Das gelbe Laub erzittert, / Es fallen die Blätter herab. / Ach! alles was hold und lieblich, / Verwelkt und sinkt ins Grab!", dichtet Heine. Das "tiefe Weh um Schönheit, die verdirbt" (M. Kaléko), gilt auch für Liebesbeziehungen. "Autumn Leaves", ein Jazzklassiker (nach dem französischen Chanson "Les feuilles mortes") besingt die Sehnsucht nach der (oder dem) verlorenen Geliebten, die besonders stark wird, wenn draußen die Blätter fallen. "But I miss you most of all my darling, when autumn leaves start to fall."

Einsamkeit

Und so scheint der Herbst die Zeit der Einsamkeit zu sein, wie es in dem Gedicht von Rilke oben schon anklingt. "Trübe Wolken, Herbstesluft / Einsam wandl' ich meine Straßen / Welkes Laub, kein Vogel ruft / Ach, wie stille! wie verlassen!" (Nikolaus Lenau: "Herbstentschluß"). "Wie welkt das Herz des wandermüden Fremden, / Der nur die Einsamkeit zur Heimat hat..." (M. Kaléko: "Herbstlicher Vers"), Die Natur legt sich auf die Seele, die trüben Wolken trüben auch die Stimmung. "Wenn ich abends einsam gehe / Und die Blätter fallen sehe / Finsternisse niederwallen..." (Christian Friedrich Hebbel: "Spaziergang am Herbstabend"). 

Melancholie international

Die Herbstmelancholie scheint nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt. Sie spricht auch aus japanischen Haikus:

An einem Abend im Herbst / ist es nicht leicht / ein Mensch zu sein. (Issa)

Kahler Herbst. / Nur die Wand nimmt Anteil / an meiner Klage (Issa)

Der Gott ist fern / Die welken Blätter häufen sich / ums verlassene Haus. (Basho)

Doch kann man das alles so unwiedersprochen stehenlassen? Haben der Herbst und gerade auch der November nicht auch positivere Seiten zu bieten? Dazu dann mehr im nächsten Beitrag.