"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Freitag, 12. Februar 2021

Heute beginnt das Jahr des Büffels

 

Wir haben Neumond und in China beginnt heute das neue Jahr. Nach der Ratte kommen wir nun zum zweiten Tier im chinesischen Tierkreis, dem Büffel 牛.

Menschen, die im Jahr des Büffels geboren sind, gelten gemeinhin als stark, arbeitssam, zuverlässig und verantwortungsbewusst, aber auch als ein bisschen stur und eher konservativ. 

Ein Büffeljahr kann demnach ziemlich erfolgversprechend sein, aber es ist kein Erfolg, der einem in den Schoß fällt, durch Glück oder Zufall, sondern einer, der durch harte Arbeit und Zielstrebigkeit erreicht wird. Mit anderen Worten: Ohne Fleiß kein Preis. Tja.

In diesem Sinne: ein erfolgreiches und glückliches Jahr! 新年快乐。 恭喜发财!Es endet übrigens am 31. Januar 2022.

Freitag, 22. Januar 2021

Wiedergelesen: Die Leiden des jungen Werthers

Ein billiges, gelbes Reclamheftchen, völlig zerfleddert. Vorne drauf ein großer Kaffeefleck oder was auch immer, auf der Innenseite die handgeschriebene italienische Adresse eines gewissen Massimo. Und jede Menge mit Nachdruck unterstrichener Sätze. So sieht Goethes Bestseller aus dem 18. Jahrhundert bei mir aus. Die Leiden des jungen Werthers, Schullektüre damals wie heute. Wer ihn nicht in der Schule gelesen hat, dem sei gesagt: Es geht um eine unglückliche Liebe. Oder eigentlich eher um einen unglücklichen, jungen Mann - eben jenen Werther - der sich in die Leidenschaft zu einer jungen Frau namens Lotte verrennt, die aber leider schon verlobt ist. Er versucht sich zu entziehen, indem er sich um einen Posten in einiger Entfernung bemüht. Doch auch der Versuch, sich an ein bürgerliches Leben anzupassen, scheitert. Nach der Rückkehr, Lotte ist inzwischen verheiratet, wird alles nur noch schlimmer. Der Tod erscheint Werther schließlich als einziger Ausweg. Es kommt zu einem letzten Zusammentreffen - zu einem Kuss - , bevor Werther sich erschießt. 

Es gibt Parallen zwischen dem jungen Goethe und seiner Figur. Goethe soll nach dem Willen seines Vaters Anwalt werden. Er studiert Jura und eröffnet eine Anwaltskanzlei. Doch eigentlich will er zeichnen und dichten, hat bereits ein paar Gedichte und Dramen veröffentlicht. Ohne großen Erfolg. Bei einem Praktikum in Wetzlar verliebt er sich in Charlotte Buff, die bereits verlobt ist. Er verlässt die Stadt, doch anders als Werther bringt er sich nicht um, sondern schreibt ihn wenigen Wochen diesen Briefroman, der zum Bestseller wird und ihn auf einen Schlag in ganz Europa berühmt macht. Werther ist Kult, junge Menschen kleiden sich nach seinem Vorbild (blauer Frack und gelbe Weste) und es gibt sogar unglücklich Verliebte, die Selbstmord á la Werther begehen. 

Das Lebensgefühl dieses jungen Mannes sprach anscheinend eine ganze Generation an. Das Leiden an der Gesellschaft, der Wunsch, anders - leidenschaftlicher, ungebundender, freier - leben zu können. Und die Angst, ausgestoßen und einsam zu sein, wenn man diesen Wünschen folgt, nirgendwo dazuzugehören. Auch mich hat das angesprochen, mehr als die Liebesgeschichte. 

Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden." (10)

Ein Mensch, der um anderer willen, ohne daß es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor. (45)

Ich habe manchmal so einen Augenblick aufspringenden, abschüttelnden Muts, und da - wenn ich nur wüßte wohin? ich ginge wohl. (49)

Ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach Veränderung des Zustandes eine innere unbehagliche Ungeduld, die mich überall hin verfolgen wird. (61) 

Das Buch war damals nicht nur Schullektüre für mich, ich habe es auch auf eine Interrailtour mit meiner besten Freundin durch Frankreich und Italien  mitgenommen (daher Massimo).

Nun habe ich den Roman noch einmal gelesen, um mit meiner Nichte, die ihn jetzt in der Schule durchnimmt, darüber zu reden. Sie findet es ziemlich blöd, dass Werther sein ganzes Glück von einer einzigen Person abhängig macht. Und fragt sich, ob er nicht vielleicht eine bipolare Störung hat, so wie er zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt schwankt, zwischen dem Gefühl, ein Genie zu sein, und Minderwertigkeitskomplexen. Tatsächlich finde auch ich heute vieles von dem Gefühlsüberschwang schwer erträglich, dieses Suhlen in Selbstmitleid. Und wie er versucht, der Geliebten mit seinem Selbstmord und dem letzten Brief unerträgliche Schuldgefühle zu erzeugen! Das ist schon alles harter Tobak. Und doch... Ein paar von den unterstrichenen Sätzen würde ich immer noch unterstreichen.

Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. (61)

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Ein persönlicher Rückblick auf das Corona-Jahr 2020

Wenig überraschend wurde Corona-Pandemie von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum Wort des Jahres 2020 gewält. Das Virus hat das gesamte Jahr geprägt, deutschlandweit, weltweit. Hier mein persönlicher, widersprüchlicher Corona-Rückblick auf dieses Jahr (garniert mit Bildern und Kampagnen zum Accessoire des Jahres):

Kindermasken

- Sprache: Ich habe viele neue Wörter gelernt oder in meinen Alltagswortschatz integriert, Anglizismen (Lockdown, Shutdown, Social-Distancing...), Arztwörter (Indidenzwert, vulnerabel, FFP2-Maske, Triage ...), Wortneuschöpfungen (AHA-Regeln, Alltagsmaske....). Manche Ausdrücke habe ich erst nach einiger Zeit begriffen (Zweimal Happy Birthday singen),  während ich die neue Formel Bleiben Sie gesund sofort in meine E-Mails übernommen habe. Die GfdS hat sich übrigens in mehreren lesenswerten Artikeln mit mit den Auswirkungen von Corona auf die deutsche Sprache beschäftigt.

Foto von Alf Trojan

- Zoom-Konferenz, auch so ein neues Wort. Alles plötzlich online. Online-Kurse, Online-Tai-Chi, Online-Geburtstagsfeiern, Online-Lesegruppe, Online-Weihnachtsessen. Erstaunlicherweise geht das, jedenfalls besser, als ich vorher dachte. Mein schönstes Online-Erlebnis war das Wiedersehen mit einer sehr lieben, früheren Mitbewohnerin beim traditionellen - aber dieses Mal eben virtuellen - Weihnachtstreffen meiner ehemaligen WG. Plötzlich war Maria dabei. Sie lebt schon lange in Spanien und ich habe sie bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Spontane Vertrautheit über alle Kabel hinweg. 

- Neue Formen von "echten" Treffen, bewegter und viel öfter draußen. Selbst jetzt im Winter gehe ich mit Freundinnen ein paar Runden im Park, ausgerüstet mit Decke, Thermoskanne und Kuchen für eine kleine Rast auf der Parkbank. Das würde ich gerne beibehalten. Ebenso wie die Tanztreffen mit Jupp im Flur. Swing, mal ein Walzer, aber vor allem Tango. Wir haben sogar die alten Kassetten (ja, Kassetten!) aus unserer Zeit in Buenos Aires wieder ausgegraben. 

- Kulturveranstaltungen: Es wirft vielleicht ein zweifelhaftes Licht auf mich als Kulturschaffende im weiteren Sinne, aber ich muss gestehen, dass mir Konzerte, Theater, selbst Kino nicht besonders fehlen. Es gibt ja noch Musik, Bücher, Filme. Was ich vermisse sind vielmehr Begegnungen mit Menschen, spontan oder geplant, Umarmungen, Diskussionen, gemeinsames Schlemmen... (Alles geht eben doch nicht online.)

- Vorlesen: Ich weiß nicht genau, ob es mit Corona zusammenhängt, aber ich habe dieses Jahr einige richtig dicke Wälzer gelesen (zwischen 700 und 1400 Seiten), Klassiker der chinesischen und deutschen Literatur (Die Reise in den Westen, Die Räuber vom Liangshan Moor, Die Abenteuer des Simplicissimus Deutsch) Und nicht nur gelesen, sondern vorgelesen. Ein richtiges Vergnügen! Als nächstes ist Don Quijote von der Mancha dran.

Mein China-Buch: Es ist coronabedingt nicht im August erschienen und wird nun auch im Januar nicht erscheinen. Vielleicht in der zweiten Jahreshälfte 2021, doch der Verleger wagt keine feste Zusage mehr, da der Reisebuchmarkt, anders als der Buchmarkt allgemein, "dramatisch" eingebrochen sei. Die Hoffnung, dass Menschen gerne von anderen Ländern lesen, wenn sie selbst nicht reisen können, habe sich nicht erfüllt. Frustrierend! 

- Landlust: Seit ich mit 19 mein Heimatdorf verlassen habe und in die Stadt gezogen bin, habe ich mich als überzeugten Stadtmenschen gesehen. Auch unterwegs haben mich eher Metropolen fasziniert, Buenos Aires, Istanbul, Beijing. Jetzt plötzlich kommen mir Gedanken, wie es wohl wäre, auf dem Land zu leben! Das irritiert mich. Hat es mit dem Alter zu tun oder doch mit Corona? Auch in meinem Umfeld stelle ich auf einmal diese merkwürdige Idealisierung des Landlebens fest. Städte verlieren ihren Reiz, wenn sie nicht mehr für eine Fülle an Möglichkeiten stehen und Orte der unverhofften Begegnung sind. Das Land verspricht Platz, einen eigenen Garten, Spazierengehen ohne Menschenmassen, Natur ...

- Bubbles: Jeder lebt in seiner Blase. Theoretisch wusste ich das schon vorher. Aber durch Corona-Diskussionen bis in den engsten Freundeskreis hinein wurde mir so richtig deutlich, wie schwierig Verständigung geworden ist. Nicht einmal darüber, ob dieses Virus nun wirklich schlimm oder doch eher harmlos ist, lässt sich noch Einigkeit herstellen. Und schon gar nicht darüber, was sich dagegen tun lässt. Jede Seite beruft sich auf wissenschaftliche Quellen und gesicherte Informationen. Jede Seite hält die andere für bescheuert, weil sie entweder dem Mainstream hinterherläuft oder sich von Idioten manipulieren lässt. Das ist anstrengend und macht mir Angst.

- Dankbarkeit: für alles Schöne, was ich schon erleben durfte. Für die Reisen, das Leben im Ausland, tolle Feste, innige Umarmungen. Das macht es mir leichter, eine Weile darauf zu verzichten.

Mittwoch, 11. November 2020

Ein Lob auf den November

Auch gefallenes Laub kann leuchten.
No sun

No fun

No leaves

November 

Dieser Spruch soll in die Sitzbank eines Uni-Hörsaales in Hamburg eingeritzt sein. Ich gebe zu, auch mich hat der November-Blues ein bisschen erwischt. Trotzdem finde ich, dass der Monat besser ist als sein Ruf. Warum?

1) Der November ist gar nicht so grau, wie es immer heißt. Viele Bäume verlieren erst jetzt ihr Laub und leuchten vorher noch einmal in den buntesten Farben.

2) Es ist der ideale Monat zum Kochen. Wer sich gerne saisonal und regional ernährt, findet jetzt reichlich einheimisches Gemüse auf dem Markt. Und - anders als im Januar und Februar - hängen einem Kraut und Rüben noch nicht zum Hals heraus.

3) Einsamkeit kann sehr traurig sein, kommt aber, anders als uns die Dichter glauben machen wollen, im November nicht häufiger vor als in anderen Monaten. Wer nicht allein ist, muss die dunkle Jahreszeit schon gar nicht fürchten, denn: "In langen Nächten küsst es sich gut / Verliebte haben den Sommer im Blut" (Max Dauthendey). Auch Wilhelm Busch kannte den reizvollen Kontrast zwischen ungemütlichem Wetter und kuscheliger Zweisamkeit: "Was ist das für ein Gesause! / Es stürmt bereits und schneit. Da bleiben wir zwei zu Hause /  In trauter Verborgenheit / ... / Kein Wetter kann uns verdrießen. / Mein Liebchen, ich und du, / wir halten uns warm und schließen / hübsch feste die Türen zu."

4) Und egal ob mit oder ohne Liebchen, es ist der ideale Monat, um es sich in der Freizeit drinnen gemütlich zu machen, herumzupusseln, einfach mal im Bett zu bleiben, zu lesen, zu malen, zu basteln, zu nähen, Fotos zu sortieren, zu kochen, bei einer Tasse Tee über das Leben nachzusinnen, ... einfach alles zu tun, was man im Sommer bei schönem Wetter oft nur mit schlechtem Gewissen machen kann.

5) Wen das alles noch nicht tröstet, der sei auf die Kraft der menschlichen Phantasie verwiesen. Daran erinnert der Dichter Emanuel Geibel. Er beginnt sein Herbstgedicht mit einer veritablen Herbstdepression: "Ich sah den Wald sich färben / Die Luft war grau und stumm / Mir war betrübt zum Sterben / Und wusst es kaum, warum /" Doch dann sieht er einen Zugvogel wegfliegen und die Stimmung ändert sich. "Es mahnt aus heller Kehle / Mich ja der flücht'ge Gast: / Vergiss, o Menschenseele / Nicht, dass du Flügel hast." 

 6) Und zum Schluss sei hier noch das furiose Herbstgedicht "November" von Heinrich Seidel zitiert, das das herbstliche "Schlackerwetter" so richtig zelebriert.

Solchen Monat muss man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
Keiner so verdrießlich sein
Und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
Keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist ’ne wahre Pracht.

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
Wie sie tanzen in dem Wind
Und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
Und sie durcheinanderwirbelt
Und sie hetzt ohn’ Unterlass:
Ja, das ist Novemberspaß!

Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelstau
Ur und ewig, trüb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt’s an jedem Zweig,
Einer dicken Träne gleich.

O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch' unvernünft’ges Toben
Schon im Voraus hat bedacht
Und die Häuser hohl gemacht!
So, dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergnügtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem Gräuel schauen zu!

Donnerstag, 5. November 2020

Herbstgedichte - zwischen Fülle und Melancholie

"Im traurigen Monat November war's / Die Tage wurden trüber, ...", heißt es bei Heinrich Heine in "Deutschland, ein Wintermärchen". Ja, es ist November geworden und dieser Monat hat einen schlechten Ruf, gilt er doch als hässlicher kleiner Bruder des "goldenen" Oktober. Er beginnt gleich
mit dem Totengedenkttag, die Tage sind schon verdammt kurz und werden jeden Tag noch ein paar Minuten kürzer und trotzdem ist es zur Wintersonnwende und zum weihnachtlichen Lichterglanz noch weit hin. Vom Frühling - "welch sagenhaft fernes Gerücht!" (Mascha Kaléko) - gar nicht erst zu reden.

Veränderung

Das Doppelgesicht des Herbstes, der Übergang von einer Zeit der Fülle, der Ernte, der buntgefärbten Natur zu Dunkelheit, Kälte und Melancholie spiegelt sich in vielen Herbstgedichten wieder. Im "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke ist in den ersten beiden Strophen von "Sonnenuhren", "Früchten", "Vollendung" "Süße" und "Wein" die Rede, bevor der berühmte Vers folgt: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben." Der expressionistische Dichter Paul Zech beginnt ein Herbstgedicht mit dem großartigen Satz: "In Glanz und Gnade brennt der Wald zu Tal / Die Bäume halten ihr Gefühl nicht mehr" und endet mit "Der Regen rauscht, vertauscht das Tal. / Der Wald steht schwarz und abgedrängt."

Heine, Zeichnung F.T. Kugel
 Vergänglichkeit

Die Veränderung in der Natur mahnt an die Vergänglichkeit des Lebens überhaupt.  "Das gelbe Laub erzittert, / Es fallen die Blätter herab. / Ach! alles was hold und lieblich, / Verwelkt und sinkt ins Grab!", dichtet Heine. Das "tiefe Weh um Schönheit, die verdirbt" (M. Kaléko), gilt auch für Liebesbeziehungen. "Autumn Leaves", ein Jazzklassiker (nach dem französischen Chanson "Les feuilles mortes") besingt die Sehnsucht nach der (oder dem) verlorenen Geliebten, die besonders stark wird, wenn draußen die Blätter fallen. "But I miss you most of all my darling, when autumn leaves start to fall."

Einsamkeit

Und so scheint der Herbst die Zeit der Einsamkeit zu sein, wie es in dem Gedicht von Rilke oben schon anklingt. "Trübe Wolken, Herbstesluft / Einsam wandl' ich meine Straßen / Welkes Laub, kein Vogel ruft / Ach, wie stille! wie verlassen!" (Nikolaus Lenau: "Herbstentschluß"). "Wie welkt das Herz des wandermüden Fremden, / Der nur die Einsamkeit zur Heimat hat..." (M. Kaléko: "Herbstlicher Vers"), Die Natur legt sich auf die Seele, die trüben Wolken trüben auch die Stimmung. "Wenn ich abends einsam gehe / Und die Blätter fallen sehe / Finsternisse niederwallen..." (Christian Friedrich Hebbel: "Spaziergang am Herbstabend"). 

Melancholie international

Die Herbstmelancholie scheint nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt. Sie spricht auch aus japanischen Haikus:

An einem Abend im Herbst / ist es nicht leicht / ein Mensch zu sein. (Issa)

Kahler Herbst. / Nur die Wand nimmt Anteil / an meiner Klage (Issa)

Der Gott ist fern / Die welken Blätter häufen sich / ums verlassene Haus. (Basho)

Doch kann man das alles so unwiedersprochen stehenlassen? Haben der Herbst und gerade auch der November nicht auch positivere Seiten zu bieten? Dazu dann mehr im nächsten Beitrag.