"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Mittwoch, 18. September 2019

MoMo9: Gott der Barbaren


Stephan Thome: Gott der Barbaren. Roman. Berlin: Suhrkamp 2018.
"Wenn ich unter allem, was ich über Ihre Zivilisation gelernt habe, eine bewundernswerte Einsicht finde, dann diese: dass in unserer Welt nichts ein Gegenteil besitzt, das nicht zugleich es selbst ist." 
Den Satz äußert Lord Elgin, Sonderbotschafter der englischen Königin, gegenüber einer Chinesin, die kein Wort seiner Sprache versteht. Er könnte als Motto über diesem großartigen Roman stehen, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem in China, spielt. Die Kaiserdynastie ist schwer angeschlagen: Im Süden erobern die "langhaarigen Rebellen" eine Stadt nach der anderen. Angeführt werden sie von einem Mann, der durch Missionare mit der christlichen Lehre in Berührung gekommen ist und nach einem Traum glaubt, er sei der jüngere Bruder von Jesus und Gott selbst habe ihn auserwählt, mit dem Schwert das Reich zu erobern. Dieser Taiping-Aufstand, einer der größten Bürgerkriege der Weltgeschichte, dauerte von 1851-1864 und kostete etwa 30 Millionen Menschen das Leben. 
Als der Roman einsetzt, haben die Rebellen bereits Nanjing besetzt und zur Hauptstadt ihres "Himmlischen Reichs des Großen Friedens" gemacht. Die "ausländischen Barbaren", Engländer und Franzosen, nutzen die Schwäche des Kaiserreichs, um unter einem nichtigen Vorwand den zweiten Opiumkrieg (1856-1860) vom Zaun zu brechen und sich mit Gewalt Zugang zur Hauptstadt und zum freien Handel zu erzwingen. 
Der Roman greift die Komplexität der Gemengelage aus ständig wechselnden Perspektiven auf. Zwei der Hauptpersonen sind historische Figuren: Zum einen der besagte Lord Elgin, nach China gesandt, um - notfalls mit Gewalt - einen Vertrag mit dem Kaiserhaus zu schließen. Er ist sich der Unrechtmäßigkeit dieses Krieges bewusst, fragt sich immer wieder, was er hier eigentlich zu suchen hat, und ist auf der anderen Seite doch überzeugt, dass England China dem Fortschritt öffnet. Die zweite historische Figur ist Zeng Guofeng, General der Hunan Armee, die als einzige die Rebellen im Süden noch besiegen kann. Eigentlich ein Gelehrter, bewandert in den klassischen Schriften, war es sein Traum ein ruhiges, kontemplatives Leben in seiner Heimat zu führen. Pflichterfüllung gegenüber dem Kaiser hat ihn stattdessen auf das Schlachtfeld gesetzt. Doch die Stärke seiner Armee macht den Hof gleichzeitig misstrauisch. 
Die dritte Hauptperson ist eine erfundene Figur: Philipp Johann Neumann, deutscher Missionar und ehemaliger Mitstreiter in der gescheiterten Revolution von 1848. Er ist auf der Suche nach etwas Großem, an das er glauben und für das er sich einsetzen kann. In China merkt er bald, dass er nicht zum Missionar berufen ist. Aber was ist mit den Aufständischen im Süden? Wollen sie nicht eine bessere Welt aufbauen? Unter größten Mühen gelingt es ihm, in die "Himmlische Hauptstadt" zu kommen, doch im Laufe der Zeit verliert er nicht nur eine Hand, sondern auch seinen Glauben an die große Idee und an die Integrität der Rebellen. Diese drei Personen (und noch einige mehr) eröffnen im Laufe der Romans eine vielschichtige Sichtweise auf die Konflikte und die Rolle der einzelnen Parteien. 
Doch die Größe des Romans liegt darin, dass die historische Situation den Ausgangspunkt für grundlegende philosophische Fragen bildet: Was macht der Krieg mit den Menschen? Warum wird man schuldig, ohne es zu wollen? Wie können große Ideen und der Wunsch nach einer besseren Welt zur Basis für grauenhafte Verbrechen werden? Ist das Gegenteil wirklich immer schon enthalten?

Freitag, 13. September 2019

MoMo9: Schwierige Mutter-Tochter-Beziehung


Amy Tan: Das Tuschezeichen. München: Goldmann, 2003

Das Buch ist im Grunde noch ein Verbindungsstück zum letzten Mottomonat: Eine dramatische Mischung aus Familiengeschichte und China.
Wie oft hat sich Ruth Young als Kind für ihre Mutter Luling geschämt, die nach all den Jahren in Amerika immer noch gebrochen Englisch spricht, jeden Cent zweimal umdreht, ständig klagt, sich vor bösen Geistern fürchtet und die versucht, auch ihre Tochter in das Netz aus Aberglauben einzuspinnen, in dem sie selbst lebt. Ruth hat sich scheinbar befreit, lebt mit ihrem Freund und dessen Töchtern zusammen und arbeitet selbständig als ghost writerin (!). Mit ihrer Mutter hat sie nur noch losen Kontakt, doch als Luling an Demenz erkrankt, bricht die künstliche Entfremdung zusammen und Ruth hat den dringenden Wunsch, mehr über ihre Mutter zu erfahren. Endlich liest sie das Tagebuch, das ihr Luling schon von längerem anvertraut hat, und taucht in die Welt ihrer chinesischen Vorfahren ein, in dunkle Familiengeheimnisse und tragische Erlebnisse. Und sie erfährt von dem Fluch, der auf der Familie lasten soll und vor dem sich Luling ihr Leben lang gefürchtet hat.
Die amerikanische Bestsellerautorin Amy Tan, selbst Tochter chinesischer Einwanderer, beschäftigt sich in ihren Bücher häufig mit dem Zusammenprall chinesischer und amerikanischer Kultur und dem schwierigen Verhältnis von Müttern und Töchtern. Sie erzählt die Beziehung von Ruth und Luling einfühlsam und psychologisch plausibel und baut gleichzeitig eine Spannung auf, die einen mitreißt und immer weiterlesen lässt.
Nur das Ende ist etwas arg "happy" und versöhnlich geraten.

Samstag, 7. September 2019

MoMo9: Chinakinder

Jörg Endriss / Sonja Maass: Chinakinder. Moderne Rebellen in einer alten Welt. Conbook, 2017

Nach dem nostalgischen Rückblick auf die Altpekinger Kultur bringt uns dieses Buch wieder in die Jetztzeit. Dreißig junge Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen und Gesellschaftsschichten kommen hier zu Wort und erzählen von ihren Problemen und Träumen. Der Punk mit den Tatoos, der die Sex Pistols mag und seinen Spaß haben will; ein junger Wanderarbeiter, der vom harten Leben auf den Baustellen erzählt und wie schwer es ist, auf dem Land eine Frau zu finden. Es gibt die junge Frau ohne Papier, die endlich ein legales Mitglied der Gesellschaft sein möchte, Schwule, die um ihre Identität kämpfen, fleißige Studierende und Aussteiger, die Ökogemüse anbauen oder ihre Kinder zu Hause unterrichten, um sie vor dem chinesischen Schulsystem zu bewahren. Neben Festlandchina kommen auch junge Leute aus Hongkong und Taiwan zu Wort. In einer kurzen Einführung erzählen die Autoren, wie sie ihre jeweiligen Gesprächspartner kennengelernt haben und geben Infos über den gesellschaftlichen Hintergrund, der für die persönliche Geschichten eine Rolle spielt. 16 Fotoseiten machen die Erzählungen auch visuell erfahrbar. Das alles ist informativ, kurzweilig und es zeigt ein vielseitiges, buntes China, das so in unseren Medien in der Regel gar nicht auftaucht und kaum wahrgenommen wird. "Aus diesen Mosaikteilchen", so hoffen die Autoren, "ergibt sich am Ende ein Bild der Generation, die China in den kommenden 30 Jahren prägen wird." Sehr empfehlenswert!

Dienstag, 3. September 2019

MoMo9: Liebeserklärung an Peking


Hans-Wilm Schütte: Literarische Streifzüge durch Peking. Gossenberg: Ostasien Verlag, 2016 (Reihe Gelbe Erde 3)

Während der ersten Woche unserer Reise wohnen wir im historischen Stadtzentrum von Peking. Und dafür habe ich einen Reiseführer der besonderen Art im Gepäck. Er führt uns durch Peking, zu Klöstern und Tempeln, in Parks und Teehäuser, durch alte Gassen und an den Häusern berühmter Literaten vorbei. Vor allem aber führt er uns durch die wechselvolle Geschichte dieser Stadt, die als machtvolles Zentrum eines großen Reiches die politische und geistige Elite des Landes versammelte und auch ausländische Besucher und Besucherinnen in ihren Bann zog – oder abstieß. Erzählt wird diese Geschichte anhand literarischer Texte über Peking, wobei der Begriff Literatur weit gefasst ist und sowohl autobiographische Texte und Reisebeschreibungen als auch Romane, Gedichte und Kabarett-Texte umfasst. Die älteste Beschreibung stammt von Marco Polo aus dem 13. Jahrhundert, die neueste aus der Jetztzeit. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Peking nach der nationalen Erhebung der 4. Mai-Bewegung 1919 den Aufbruch in die Moderne probte und zum kulturellen Zentrum der Avantgarde wurde. Neben der Architektur geht es um die Sagen und Mythen der Stadt, vor allem aber um ihre Bewohner, um das Leben in den Gassen, die Händler und Handwerker, ihre Feste und Freizeitvergnügungen, die Tee- und Badehäuser und natürlich die kulinarischen Genüsse.
Das Buch ist ein nostalgischer Spaziergang durch vergangene Zeiten, eine Liebeserklärung an eine Stadt, die so nicht mehr existiert. Wie die einzigartige, imposante Stadtmauer, die geschleift wurde, um Platz für eine moderne, wachsende Stadt zu machen, für Schütte „ein Ereignis in einer langen Serie gezielter Kulturvernichtung“, für die er vor allem den Maoismus verantwortlich macht.
Das Buch macht trotzdem Lust, nach Peking zu reisen und – darin blätternd – dem vielleicht doch noch vorhandenen genius loci der Stadt nachzuspüren.

Sonntag, 1. September 2019

Neunter Mottomonat 2019: China

Den ganzen September über werde ich mit Jupp in China sein. Wir waren sieben Jahre nicht mehr dort und sind schon sehr gespannt (und ein bisschen bang), was sich alles verändert hat. Von Freunden, Freundinnen und Bekannten hört man ja einiges, aber jetzt können wir uns selbst einen Eindruck verschaffen. Wir freuen uns darauf, alte Freunde wiederzusehen, auf das chinesische Essen, auf unsere alten, vertrauten Lieblingsecken in Peking (wenn es sie noch gibt) und auf neue Eindrücke beim Reisen. Das Motto dieses Monats kann also nur China sein, China mit allen Sinnen.

Wasserkalligraphie im Park, Foto von 2012
Chinesisch-Deutsche Freundschaft

Hallo Ma Dina (mein chin. Name)




















Leider kann ich von dort aus meinen Blog nicht betreiben, es wird also keine jeweils aktuellen Fotos von unseren Abenteuern geben. Aber ich habe ein bisschen vorgearbeitet und Rezensionen von interessanten Büchern, die ich dieses Jahr über China gelesen habe, vorbereitet. Außerdem einen ersten Artikel über einen Deutschland-Chinesen. (Daraus soll noch eine kleine Serie werden). Es lohnt sich also auch im September, ab und zu mal reinzuschauen. Die Fotos kommen dann später.

Natürlich verdirbt diese (Flug)reise unsere Ökobilanz des ganzen Jahres. So viel Plastik können wir gar nicht einsparen, dass wir da noch auf einen vernünftigen ökologischen Fußabdruck kommen. Ich rechtfertige mich innerlich damit, dass China für uns eine besondere (auch berufliche) Bedeutung hat und dass es schwer ist, Beziehungen ganz ohne persönlichen Kontakt über lange Zeit aufrecht zu halten. Aber es bleibt ambivalent. Vielleicht haben wir bei unserer nächsten Reise genug Zeit (und Geld), um die Eisenbahn zu nehmen. Die Fahrt von Hannover nach Peking dauert ungefähr eine Woche.

Samstag, 31. August 2019

MoMo8: Resümee

Der Mottomonat "Familienbesuch" war super. Ich bin nicht viel zum Schreiben gekommen, auch ein paar andere Sachen sind liegen geblieben, aber es war toll, meine Schwestern jeweils eine Woche bei mir zu haben. Vertrautheit, anregende Gespräche, gemeinsam Yoga im Park oder auf dem Steg, Museumsbesuche, zusammen basteln, Spaziergänge... Im Grunde sind die beiden für mich wie beste Freundinnen. Das ist bei Schwestern nicht zwangsläufig so, ich weiß. Da haben wir richtig Glück gehabt.

Es war auch spannend, meine beiden Nichten mal ein bisschen näher mitzukriegen.

Und der Ausflug nach Krakow war etwas ganz Besonderes. Auch dass wir unserem Cousin nach so vielen Jahren wieder begegnet sind. Familie ist schon etwas Merkwürdiges. Da kann man jahrelang, jahrzehntelang nichts mehr miteinander zu tun haben, und doch gibt es dieses dünne (aber zähe) Band der Verwandtschaft, an dem man plötzlich wieder anknüpfen kann.

Der nächste Mottomonat geht in eine ganz andere Richtung: Auf nach China!

Freitag, 23. August 2019

MoMo9: Schwester, Schwager, Schwäne

Auch meine jüngste Schwester lebt leider nicht in Hamburg, sondern - im Moment - in Bayern. Der Vorteil ist, dass Besuche dann meist ein bisschen länger dauern, damit sich die lange Anfahrt auch lohnt, und man sich richtig Zeit füreinander nehmen kann.

Mein erster Besuch in Krakow, mit zwei Jahren.
Unsere Eltern mit den Schwänen, 1973
Das besondere Highlight war dieses Mal ein Ausflug in unsere Kindheitserinnerungen nach Krakow am See in Mecklenburg. Unsere Großeltern bauten da Ende der 1950er Jahre ein kleines Sommerhäuschen. Als Kinder haben wir dort unsere schönsten Sommerferien verbracht. Direkt vom Haus führt ein Holzsteg zum See. Dort habe ich schwimmen gelernt. Abends kamen die Schwäne mit ihren Jungen vorbei und wir bettelten Oma an, uns noch ein Stück Brot zu geben, damit wir sie füttern konnten. Es gab ein Ruderboot, mit dem wir Ausflüge machten. In meiner Erinnerung scheint immer die Sonne, das Leben spielte sich draußen ab, Verwandte und Freunde kamen zu Besuch und das DDR-Brot schmeckte köstlich.

Das Haus gehört jetzt meinem Cousin. Wir sind erst kürzlich wieder in Kontakt gekommen und er lud uns ein, ein Wochenende in Krakow zu verbringen.







Das Häuschen am See (links), ca. 1960.
Es ist natürlich ein gewisses Risiko, alte Erinnerungen auffrischen zu wollen. Aber Krakow war einfach so toll wie früher. Das Haus riecht wie damals und der Steg fühlt sich unter den nackten Füßen noch genauso an. Es gibt kein Ruderboot mehr und kein DDR-Brot, aber Opas selbstgemachte Korbstühle sind noch da und die alte Hollywoodschaukel. Am Ende sind sogar die Schwäne mit ihren Jungen vorbeigekommen.
Mein Schwager war auch ohne Kindheitserinnerungen von Krakow begeistert.



Das Häuschen von der anderen Seite, 2019

Mit Opa auf der Schaukel, 1965













Mit meiner Schwester, 54 Jahre später.
Sonnenaufgang am See