"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Dienstag, 19. Mai 2020

Von Baustellen und Betrachtungsweisen

Vor meinem Haus ist eine Baustelle. Seit Wochen wird die Straße aufgerissen, alte Rohre werden herausgenommen, neue verlegt. Morgens ums sieben beginnt der Presslufthammer zu dröhnen, das ganze Haus bebt. Ich bin total genervt.

Bis mir einfällt, wie begeistert Emil, der kleine Sohn einer Freundin, von der Sache wäre. Für ihn ist jedes Feuerwehrauto, jeder Bagger und jede Baustelle eine total spannende Angelegenheit, die genauestens beobachtet werden muss.
Ich versuche es also mal mit seiner Betrachtungsweise. Sehe überhaupt mal hin. Es ist wirklich spannend, wie Rohre ausgetauscht werden, was nacheinander zu tun ist, welche Maschinen es gibt und wie dick eine Asphaltdecke ist. Und weil ich letzten Endes doch immer mehr auf Menschen als auf Maschinen fokussiert bin, beobachte ich auch die Arbeiter, wie sie miteinander umgehen, wann und wie sie Pause machen...
Danke Emil!

Samstag, 16. Mai 2020

Neuer Blick auf den "Revoluzzer" von Erich Mühsam


Zum 75. Jahrestags des Kriegsendes gab es am 9. Mai auf der KulturBühne des Bayerischen Rundfunks ein Konzert mit dem Liedermacher Konstantin Wecker, das live gestreamt wurde (wie man das in Corona-Zeiten eben so macht). Dabei sang er auch seine Vertonung des Gedichts "Der Revoluzzer" von Erich Mühsam von 1907. Dabei geht es um einen Mann, "im Zivilstand Lampenputzer", der mit den Revoluzzern mitmarschiert und sich dabei höchst verwegen vorkommt.
Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.
Seine Hochstimmung ändert sich jedoch als die Revoluzzer beginnen, die Gaslaternen, die er sonst putzt, aus dem Boden zu rupfen, "zwecks des Barrikadenbaus".
 Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! ­
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"
 Doch die anderen Revoluzzer lachen ihn nur aus und der Lampenputzer schleicht sich bitterlich weinend fort.
Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.
Mühsam (Bundesarchiv) 
Erich Mühsam (1878-1934) war ein deutscher Schriftsteller und Publizist, der von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet wurde. Der Anarchist und Bohemien hat dieses Gedicht "der deutschen Sozialdemokratie" gewidmet, um sich über deren halbherzige Revolutionsversuche lustig zu machen. Der revoluzzende Lampenputzer ist eine Spottgestalt, die zeigen soll, dass der revolutionäre Elan bei manchen nur solange trägt, bis eigene Interessen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Doch als ich dieses Gedicht jetzt wieder hörte, verfehlte es seine beabsichtigte Wirkung. Ich entwickelte stattdessen Sympathien mit dem Lampenputzer. Hat er nicht recht? Er kämpft ja nicht einmal für seine eigenen Interessen, sondern für das Gemeinwohl, wenn er will, dass die Bürger nachts auf den Straßen sicher gehen können. Geht es nicht eigentlich darum, die Gesellschaft grundlegend zu verändern, ohne alles kaputtzumachen und ohne alle positiven Errungenschaften zu verlieren, also im Grund darum "wie man revoluzzt und dabei doch Lampen putzt"?

Freitag, 24. April 2020

Corona und das China-Buch

Am Donnerstag vor Ostern war es soweit: Ich konnte das letzte Kapitel des China-Buchs (erste Fassung) unter die Rubrik "erledigt" pinnen. Tata!
Am gleichen Abend dann eine Mail vom Verlag: Das ganze Projekt wird wegen Corona auf das Frühjahr 2021 verschoben. Gutes Timing, wer weiß, ob ich sonst die letzten Wochen so diszipliniert gewesen wäre. Und wahrscheinlich eine vernünftige Entscheidung. Trotzdem...

Dafür habe ich jetzt mehr Zeit für die Überarbeitung. Und vielleicht auch wieder für den Blog. Themen gäbe es genug.

Montag, 30. März 2020

Social distancing auch für Kuscheltiere

Vorher - und irgendwann auch wieder

Zu Corona-Krisenzeiten
Die Eule hat leider keine Maske mehr abbekommen. Aber ich bin gerade am Nähen und probiere mit verschiedenen Modellen herum.

Montag, 23. März 2020

"Im Rausch des Positiven: Die Welt nach Corona"

Neulich bin ich auf einen sehr optimistischen Artikel des Zukunftsforschers Matthias Horx über die Zeit nach Corona gestoßen. Da mir dieser Aspekt in der momentanen Berichterstattung zu kurz kommt, möchte ich den Artikel und seine Gedanken mit euch teilen. (Hier das Original).

Auch Horx ist überzeugt, dass Corona die Welt grundlegend verändern wird. Um die "Angststarre" zu verlassen, bietet er als Übung (statt einer PRO-gnose) eine RE-gnose an: Man stelle sich vor, dass man schon in der Zukunft lebt, z.B. im Herbst 2020, und zurückschaut auf alles, was durch und nach Corona passiert ist. Seine Phantasien:

Mehr Nähe und Verbindlichkeit
Die geforderte soziale Distanz hat nicht zur Vereinsamung geführt, sondern zu einer neuen Nähe und Verbindlichkeit. Alte Kulturtechniken wie Langzeittelefonate wurden wieder gepflegt, auch weil plötzlich nicht mehr nur der Anrufbeantworter bzw. die Mailbox dran war.

Mehr Ruhe und Gelassenheit 
Menschen, die sonst nie zur Ruhe kamen, machten plötzlich lange Spaziergänge. Bücherlesen wurde Kult.

Ein neues Verhältnis von Mensch und Technik
Einerseits wurden Tele- und Videokonferenzen ebenso wie Homeoffice selbstverständlich. Andererseits glaubt niemand mehr, dass Technik das Allheilmittel für alle Zukunfsprobleme ist, weil man merkte, dass in so einer Krise der Mensch und das soziale Miteinander entscheidend sind.

Eine neue Weltwirtschaft
Die Wirtschaft erlebte zwar einen Einbruch, es kam aber nicht zum völligen Zusammenbruch. Allerdings änderten sich die Vorstellungen von Weltwirtschaftt: Es gibt wieder mehr Zwischenlager, Reserven, lokale Produktion, das Handwerk erlebte einen Aufschwung. "GloKalisierung" statt Globalisierung. Geld ist insgesamt weniger wichtig geworden.

"Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. 
Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft."


Montag, 16. März 2020

Das Beste aus Corona machen

Rund um das Corona-Virus hat sich eine Szenerie entwickelt, die bis vor ein paar Wochen noch undenkbar war. Fußballfunktionäre, die sagen, dass Fußball nicht das Wichtigste im Leben ist; ein Bundeswirtschaftsminister, der bereit ist, die geliebte schwarze Null zu opfern; leere Regale; geschlossene Schulen und überhaupt alles zu und abgesagt.

Der Umwelt tut es wahrscheinlich gut. Weniger Flüge, weniger Verkehr, weniger Konsum (abgesehen vom Klopapier). Und was wird mit den Menschen, die jetzt zu Hause bleiben und keine Freunde treffen sollen? Sehen sie darin einen unerwarteten Ausstieg auf Zeit, eine Möglichkeit zur  Besinnung, zum Durchatmen, freuen sie sich auf Zeit für sich, für die Familie? Oder bedeutet diese Isolierung eher Gereiztheit, Stress, Angst, Wohnungskoller? Wahrscheinlich beides. Es ist ein großes soziales Experiment.

Im Netz finden sich immer auch Fachleute, die behaupten, dass alle diese Einschränkungen total übertrieben und unnötig sind. Und es ist noch gar nicht lange her, dass ich das auch dachte. Im Moment weiß ich einfach nicht, was stimmt. Aber die Maßnahmen laufen ja nun mal und ich habe beschlossen, sie anzunehmen und etwas daraus zu machen. Auch bei mir wurden alle Kurse etc. abgesagt. Ich kann mich also die nächsten Wochen ganz auf das China-Buch konzentrieren. Und ich habe mehr Zeit für alle Dinge, die ich zu Hause für mich machen kann: Yoga, Nähen, Chinesisch lernen, Musik machen, mein Projekttagebuch mit Ideen füllen, den Balkon neu bepflanzen, malen, Taiji üben, kochen, die Stapel ungelesener Bücher lesen, den Vögeln lauschen... Ich fühle mich fast ein bisschen wie früher vor den großen Sommerferien. Ob das so bleibt?

Donnerstag, 27. Februar 2020

Buchprojekt "Niemals China"

Im Moment schreibe ich nur sehr wenig für den Blog. Was daran liegt, dass ich sehr viel schreibe, nur eben nicht für den Blog.

Das Buchprojekt, von dem letzten Oktober schon einmal die Rede war, hat sich tatsächlich konkretisiert. Der conbook Verlag, ein Verlag für Reiseliteratur, hat eine Reihe, die sich "Was sie dachten, NIEMALS über (LAND) wissen zu wollen" nennt. Die Idee ist, in kurzen Kapiteln eben gerade nicht über die Sachen zu schreiben, die man in jedem anderen Reiseführer auch lesen kann, sondern schräg daneben über "kleine Schweinereien" und "große Tabus", Themen vom Rande, über die man normalerweise nicht so spricht. Bisher gibt es in der Reihe schon Bücher über Japan, Indien, Russland und die Niederlande. Im April erscheinen weitere Bände. Und ich schreibe am China-Buch in dieser Reihe! Wenn alles gut geht, soll es im August erscheinen. 

Es macht Spaß. Aber ich sitze jetzt eben sehr, sehr viel am Schreibtisch. Und wenn ich mal nicht vor dem Bildschirm hänge, gehen mir neue Themen durch den Kopf oder geniale Formulierungen, die unbedingt noch eingearbeitet werden müssen. Alles andere kommt zu kurz, selbst meine geliebten Mottomonate. Und der Blog. Aber ich will versuchen, in Zukunft wenigstens interessante Entdeckungen, die ich während der Recherche machen, zu teilen.