"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Montag, 7. Oktober 2019

Zehnter Mottomonat 2019: China-Buch

Ich habe länger überlegt, was ich als Motto für den Oktober nehmen soll. Ursprünglich wollte ich einen Kochmonat machen, weil Erntezeit ist und die Märkte üppig mit heimischem Gemüse bestückt sind. Außerdem könnte ich dann meine Rezeptsammlung mal ordnen und das Bücherregal mit den Kochbüchern ausmisten.
Aber nun hat sich überraschend die Möglichkeit für ein neues Buchprojekt über China ergeben. Ausgemacht ist noch nichts, das wird sich erst Ende des Monats entscheiden, deshalb kann ich auch noch nichts dazu schreiben. Aber wenn es zustande kommt, wird es einiges an Arbeit und Recherchen erfordern und da China durch die Reise gerade wieder ganz präsent ist, habe ich gedacht, ich nutze den Schwung und widme mich diesen Monat dem Buchprojekt. Bei den Recherchen fällt dann sicher auch der ein oder andere interessante Beitrag für diesen Blog ab.

Dienstag, 1. Oktober 2019

MoMo9: Resümee und Fotos

Seit ein paar Tagen bin ich wieder aus China zurück. Es war eine spannende und intensive Reise. Räumlich führte sie nach Beijing, Tianjin, Qufu, auf den Taishan, nach Qingdao und zurück nach Peking. Zeitlich ins aktuelle China, in die jüngere chinesische Vergangenheit und in das alte China. Und natürlich war es auch eine Reise in die eigenen Erinnerungen. Insgesamt ist China mir emotional wieder viel näher gerückt. Und das ist schön!
Die letzten Tage habe ich die Fotos geordnet und versucht, eine Auswahl für den Blog zu treffen. Nicht ganz einfach. Hier also nun die Favoriten:

1. Das aktuelle China (überall)
Hochhaus-Lightshow in Qingdao
Reinigungsroller mit Reisigbesen
Bezahlen per App - auch für Straßenmusik
Viiiel Plastik

Leckeres Essen !!!
Strandleben in Qingdao: Lieber Posen als Schwimmen
Viiile Überwachungskameras







 2. Die jüngere chinesische Vergangenheit

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde China nach den Niederlagen in den Opiumkriegen gezwungen, seine Abschottungspolitik aufzugeben und diverse Vertragshäfen an den Küsten für den freien Handel mit dem Westen zu öffnen. Die Westmächte, allen voran Großbritannien und Frankreich, siedelten sich dort in sog. Konzessionen mit exterritiorialem Status an, in denen sie nicht der chinesischen Justiz unterworfen waren. Die "Ungleichen Verträge", die das Kaiserhaus damals unterschreiben musste, werden in China immer noch als nationale Demütigung empfunden. Die Bausubstanz, das architektonische Erbe der Kolonialzeit, wird heute jedoch durchaus bewahrt und für das Tourismus-Marketing genutzt, gibt es den jeweiligen Städten doch ein besonderes Gepräge.

Tianjin
Wolkenkratzersilhouette am Bahnhof von Tianjin
In der strategisch wichtigen Hafenstadt, 120 km südöstlich von Peking, errichteten im Laufe der Jahre sogar neun Westmächte Konzessionen. Ein zusammenhängendes Gebiet aus fünf großen Straßen (Wudadao) mit etwa 230 Gebäuden im europäischen Stil gilt heute als Touristenattraktion. Aber auch außerhalb gibt es noch gut erhaltene Bauwerke aus dieser Zeit. (Empfehlenswert: Museum of Modern Chinese History). Ansonsten ist Tianjin heute eine moderne Stadt mit etwa sieben Millionen Einwohnern im Ballungsraum.
Gebäude im europäischen Stil
Im ehemaligen deutschen Club Concordia
Villa im italienischen Viertel
Qingdao (Tsingtao)
Qingdao mit Blick auf die Altstadt
1897 wollten auch die Deutschen einen eigenen Stützpunkt in China und hatten sich dafür die Jiaozhou-Buch in Shandong ausgesucht. Als das chinesische Kaiserreich nicht mit sich verhandeln ließ, besetzte man das Gelände kurzerhand unter einem Vorwand und zwang China, einen Pachtvertrag über 99 Jahre zu unterschreiben. Anschließend machte man sich daran, aus dem ehemaligen Fischerdorf eine deutsche Stadt aufzubauen, mit allem Drum und Dran: Kaiser-Wilhelm-Straße, Postamt, Brauerei, Kasernen, Strandhotel... Wie gewonnen, so zerronnen: Nur 17 Jahre später, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde Qingdao von den Japanern erobert. In der Altstadt sind noch viele Gebäude der ehemaligen deutschen Stadt erhalten, obwohl natürlich auch hier - wie in jeder chinesischen Stadt - die Hochhäuser die Stadt umzingeln. Qingdao hat heute im Stadtgebiet etwa fünf Millionen Einwohner.

Bahnhof von Qingdao

Erbaut 1907, heute ein Museum.
Ehemaliger Gouverneurspalast





Erbaut erst 1932, ein beliebtes Motiv für Hochzeitsfotos.
Katholische Kathedrale St. Michael





 3. Das alte China - Qufu und der Taishan
Wenn man in Shandong reist, kommt man um Konfuzius eigentlich nicht herum. In der Stadt Qufu ist er geboren, dort steht der Konfuziustempel, zu dem Kaiser pilgerten, um ihm die Ehre zu erweisen. Dort ist auch die alte Residenz der Familie Kong mit über 400 Gebäuden und dort, im Kong-Hain, liegen Konfuzius und seine Nachfahren begraben. Wir befürchteten, dass im Zuge der neuen Wertschätzung des alten Philosophen die ganze Stadt hochglanzpoliert wäre und sich die Touristenmassen durch die Straßen drängen würden. Aber abgesehen von einigen unvermeidlichen Souvenierläden ist Qufu im Zentrum eine kleine, ruhige Stadt mit einer renovierten alten Stadtmauer. Wir mochten sie sehr.

Ruhige Gasse in Qufu
Stadtmauer von Qufu

Ich gestehe: Auch wir haben eine Holzfigur gekauft.
Konfuzius' Grabhügel
Der Taishan wiederum ist einer der fünf heiligen Berge des Daoismus und angeblich einer der meistbestiegenen Berge der Welt. Die 1300 Höhenmeter müssen über rund 6500 Treppen! bewältigt werden. Überall stehen kleine Tempel und Pagoden, Kaiser und Dichter haben seit Jahrtausenden Inschriften in den Stein meißeln lassen.
Heutzutage geht es ziemlich rummelig zu: Imbisse und Restaurants, Verkaufsstände, Fotografen, Lautsprecher an Bäumen, Leuchtschriften... Eher eine soziologische Erfahrung als ein Naturerlebnis oder gar eine spirituelle Horizonterweiterung. Leider war das der einzige Tag auf unserer ganzen Reise, an dem es geregnet hat. Von dem angeblich so spektakulären Sonnenaufgang am nächsten Morgen sahen wir deshalb nur .... Nebel.





Imbiss mit Fertigsuppen und Fernseher
Lastenträger - man beachte die Wadenmuskulatur!
Statt Sonnenaufgang - auch schön!

Freitag, 27. September 2019

MoMo9: Neuerfindung der Diktatur


Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. München: Piper, 2018

Die Nachrichten der letzten Jahre aus China waren beunruhigend. Da war viel von Repressionen gegen Regimekritiker die Rede, von Einschränkungen des Internets und zunehmender Überwachung aller Bürger. Strittmatter, langjähriger Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Peking, gilt als einer der besten Chinakenner Deutschlands. Ich fand seine Artikel oft erfreulich differenziert und erhoffte mir deshalb von diesem Buch einen tieferen Einblick, der über die übliche Negativberichterstattung der deutschen Medien hinausgeht.

Strittmatter beschreibt, wie die chinesische Regierung mit Xi Jinping als "Kaiser" an der Spitze und mit Hilfe der neuen Informationstechnologien ihre Macht zementiert und einen perfekten Überwachungsstaat schafft, "dem man die Überwachung oft nicht einmal ansieht, weil er sie in die Köpfe der Untertanen verpflanzt." Das Ganze garniert mit einem neuen Nationalismus, der als gesellschaftlicher Kitt dient. Und sollten Propaganda und Gedankenkontrolle nicht ausreichen, scheue sich der Staat nicht, zu Einschüchterung und Verfolgung zu greifen.
Strittmatter hatte als Korrespondent von 1997-2005 miterlebt, wie das Internet in China einen Freiraum geschaffen hatte, der "Reformströmungen, originelle Debatten, verblüffende Experimente und mutige Tabubrecher" zuließ. Als er 2012, nach sieben Jahren in der Türkei, zurückkehrte, musste er feststellen, dass diese Zeit vorbei war, dass ein anderer Wind wehte und das Internet keine Freiheit mehr verhieß, sondern vielmehr in die Überwachungslogik der Partei eingebunden werden konnte. Die Trauer darüber, die Wut und auch die Sorge merkt man dem Buch deutlich an. In seinem Wunsch, die Gefahren der chinesischen Autokratie aufzuzeigen und die Welt wachzurütteln, vermischt Strittmatter alles miteinander, Konfuzius und Mao, Geldgier und Werteverlust, Nationalismus und Internet. Seine Beschreibung einer entsolidarisierten Gesellschaft, in der keiner dem anderen und schon gar nicht dem Staat traut und allgemein der moralische Verfall beklagt wird, lässt sich jedoch auch auf westliche Gesellschaften übertragen. Womöglich liegen die Gründe dafür ja nicht im Kommunismus?
Für Strittmatter aber sind die westlichen Demokratien Leuchttürme, die er fast schon naiv verklärt. Als Gegenbeispiel zu Festlandchina dient ihm das demokratische Taiwan, wo die Bewohner angeblich alle höflich und zivilisiert miteinander umgehen und auch nachts, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, an einer roten Ampel stehen bleiben. Auch der Satz, dass "die USA einst daran arbeiteten, die Welt zu einem sicheren Ort für Demokratien zu machen" zeugt eher von Wunschdenken als Realitätsbewusstsein, man erinnere sich nur zum Beispiel an Chile.

Und so konstruiert Strittmatter zwei große Blöcke, hier die chinesische Autokratie, die klammheimlich, aber massiv immer mehr Einfluss in der Welt gewinnt, dort die westlichen Demokratien, die er am Ende dringlich aufruft, ihre eigenen Ideen nicht zu verraten und geschlossener aufzutreten, damit sie dem anstehenden ideologischen Kampf gewachsen sind.
Das ist alles etwas zu einfach und ziemlich schwarz-weiß gedacht.

Montag, 23. September 2019

Deutschland-Chinesen 1: Ji Xianlin

Nachdem ich mich so lange mit der Geschichte der China-Deutschen befasst habe, interessiert mich jetzt zunehmend auch die andere Seite, die der Deutschland-Chinesen. Für die Zeitschrift des StuDeO schreibe ich gerade eine Reihe von Artikeln über Chinesen, die im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder während des Nationalsozialismus in Deutschland gelebt haben.

Den Anfang macht Ji Xianlin (1911-2009). Als junger Mann kommt er 1935 nach einer langen Zugreise durch Sibirien in Berlin an. Damals leben in Deutschland etwa 1800 Chinesen, davon 1000 allein in Berlin. In der Tasche hat Ji ein Stipendium des DAAD, das ihm ein zweijähriges Auslandsstudium ermöglichen soll. Doch der Überfall Japans auf China und der Zweite Weltkrieg verhindern seine Rückkehr. Aus den zwei Jahren werden schließlich zehn. Darüber hat er ein Buch geschrieben ("Zehn Jahre in Deutschland"), das aus einer Außenperspektive interessante Einblicke in das Leben im damaligen Deutschland ermöglicht.



Mittwoch, 18. September 2019

MoMo9: Gott der Barbaren


Stephan Thome: Gott der Barbaren. Roman. Berlin: Suhrkamp 2018.
"Wenn ich unter allem, was ich über Ihre Zivilisation gelernt habe, eine bewundernswerte Einsicht finde, dann diese: dass in unserer Welt nichts ein Gegenteil besitzt, das nicht zugleich es selbst ist." 
Den Satz äußert Lord Elgin, Sonderbotschafter der englischen Königin, gegenüber einer Chinesin, die kein Wort seiner Sprache versteht. Er könnte als Motto über diesem großartigen Roman stehen, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem in China, spielt. Die Kaiserdynastie ist schwer angeschlagen: Im Süden erobern die "langhaarigen Rebellen" eine Stadt nach der anderen. Angeführt werden sie von einem Mann, der durch Missionare mit der christlichen Lehre in Berührung gekommen ist und nach einem Traum glaubt, er sei der jüngere Bruder von Jesus und Gott selbst habe ihn auserwählt, mit dem Schwert das Reich zu erobern. Dieser Taiping-Aufstand, einer der größten Bürgerkriege der Weltgeschichte, dauerte von 1851-1864 und kostete etwa 30 Millionen Menschen das Leben. 
Als der Roman einsetzt, haben die Rebellen bereits Nanjing besetzt und zur Hauptstadt ihres "Himmlischen Reichs des Großen Friedens" gemacht. Die "ausländischen Barbaren", Engländer und Franzosen, nutzen die Schwäche des Kaiserreichs, um unter einem nichtigen Vorwand den zweiten Opiumkrieg (1856-1860) vom Zaun zu brechen und sich mit Gewalt Zugang zur Hauptstadt und zum freien Handel zu erzwingen. 
Der Roman greift die Komplexität der Gemengelage aus ständig wechselnden Perspektiven auf. Zwei der Hauptpersonen sind historische Figuren: Zum einen der besagte Lord Elgin, nach China gesandt, um - notfalls mit Gewalt - einen Vertrag mit dem Kaiserhaus zu schließen. Er ist sich der Unrechtmäßigkeit dieses Krieges bewusst, fragt sich immer wieder, was er hier eigentlich zu suchen hat, und ist auf der anderen Seite doch überzeugt, dass England China dem Fortschritt öffnet. Die zweite historische Figur ist Zeng Guofeng, General der Hunan Armee, die als einzige die Rebellen im Süden noch besiegen kann. Eigentlich ein Gelehrter, bewandert in den klassischen Schriften, war es sein Traum ein ruhiges, kontemplatives Leben in seiner Heimat zu führen. Pflichterfüllung gegenüber dem Kaiser hat ihn stattdessen auf das Schlachtfeld gesetzt. Doch die Stärke seiner Armee macht den Hof gleichzeitig misstrauisch. 
Die dritte Hauptperson ist eine erfundene Figur: Philipp Johann Neumann, deutscher Missionar und ehemaliger Mitstreiter in der gescheiterten Revolution von 1848. Er ist auf der Suche nach etwas Großem, an das er glauben und für das er sich einsetzen kann. In China merkt er bald, dass er nicht zum Missionar berufen ist. Aber was ist mit den Aufständischen im Süden? Wollen sie nicht eine bessere Welt aufbauen? Unter größten Mühen gelingt es ihm, in die "Himmlische Hauptstadt" zu kommen, doch im Laufe der Zeit verliert er nicht nur eine Hand, sondern auch seinen Glauben an die große Idee und an die Integrität der Rebellen. Diese drei Personen (und noch einige mehr) eröffnen im Laufe der Romans eine vielschichtige Sichtweise auf die Konflikte und die Rolle der einzelnen Parteien. 
Doch die Größe des Romans liegt darin, dass die historische Situation den Ausgangspunkt für grundlegende philosophische Fragen bildet: Was macht der Krieg mit den Menschen? Warum wird man schuldig, ohne es zu wollen? Wie können große Ideen und der Wunsch nach einer besseren Welt zur Basis für grauenhafte Verbrechen werden? Ist das Gegenteil wirklich immer schon enthalten?

Freitag, 13. September 2019

MoMo9: Schwierige Mutter-Tochter-Beziehung


Amy Tan: Das Tuschezeichen. München: Goldmann, 2003

Das Buch ist im Grunde noch ein Verbindungsstück zum letzten Mottomonat: Eine dramatische Mischung aus Familiengeschichte und China.
Wie oft hat sich Ruth Young als Kind für ihre Mutter Luling geschämt, die nach all den Jahren in Amerika immer noch gebrochen Englisch spricht, jeden Cent zweimal umdreht, ständig klagt, sich vor bösen Geistern fürchtet und die versucht, auch ihre Tochter in das Netz aus Aberglauben einzuspinnen, in dem sie selbst lebt. Ruth hat sich scheinbar befreit, lebt mit ihrem Freund und dessen Töchtern zusammen und arbeitet selbständig als ghost writerin (!). Mit ihrer Mutter hat sie nur noch losen Kontakt, doch als Luling an Demenz erkrankt, bricht die künstliche Entfremdung zusammen und Ruth hat den dringenden Wunsch, mehr über ihre Mutter zu erfahren. Endlich liest sie das Tagebuch, das ihr Luling schon von längerem anvertraut hat, und taucht in die Welt ihrer chinesischen Vorfahren ein, in dunkle Familiengeheimnisse und tragische Erlebnisse. Und sie erfährt von dem Fluch, der auf der Familie lasten soll und vor dem sich Luling ihr Leben lang gefürchtet hat.
Die amerikanische Bestsellerautorin Amy Tan, selbst Tochter chinesischer Einwanderer, beschäftigt sich in ihren Bücher häufig mit dem Zusammenprall chinesischer und amerikanischer Kultur und dem schwierigen Verhältnis von Müttern und Töchtern. Sie erzählt die Beziehung von Ruth und Luling einfühlsam und psychologisch plausibel und baut gleichzeitig eine Spannung auf, die einen mitreißt und immer weiterlesen lässt.
Nur das Ende ist etwas arg "happy" und versöhnlich geraten.

Samstag, 7. September 2019

MoMo9: Chinakinder

Jörg Endriss / Sonja Maass: Chinakinder. Moderne Rebellen in einer alten Welt. Conbook, 2017

Nach dem nostalgischen Rückblick auf die Altpekinger Kultur bringt uns dieses Buch wieder in die Jetztzeit. Dreißig junge Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen und Gesellschaftsschichten kommen hier zu Wort und erzählen von ihren Problemen und Träumen. Der Punk mit den Tatoos, der die Sex Pistols mag und seinen Spaß haben will; ein junger Wanderarbeiter, der vom harten Leben auf den Baustellen erzählt und wie schwer es ist, auf dem Land eine Frau zu finden. Es gibt die junge Frau ohne Papier, die endlich ein legales Mitglied der Gesellschaft sein möchte, Schwule, die um ihre Identität kämpfen, fleißige Studierende und Aussteiger, die Ökogemüse anbauen oder ihre Kinder zu Hause unterrichten, um sie vor dem chinesischen Schulsystem zu bewahren. Neben Festlandchina kommen auch junge Leute aus Hongkong und Taiwan zu Wort. In einer kurzen Einführung erzählen die Autoren, wie sie ihre jeweiligen Gesprächspartner kennengelernt haben und geben Infos über den gesellschaftlichen Hintergrund, der für die persönliche Geschichten eine Rolle spielt. 16 Fotoseiten machen die Erzählungen auch visuell erfahrbar. Das alles ist informativ, kurzweilig und es zeigt ein vielseitiges, buntes China, das so in unseren Medien in der Regel gar nicht auftaucht und kaum wahrgenommen wird. "Aus diesen Mosaikteilchen", so hoffen die Autoren, "ergibt sich am Ende ein Bild der Generation, die China in den kommenden 30 Jahren prägen wird." Sehr empfehlenswert!