"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Donnerstag, 23. Mai 2019

MoMo5: Serielle Monogamie

Darunter versteht man mehrere aufeinanderfolgende monogame Beziehungen. Vermutlich heutzutage bei uns die häufigste Art, wie Menschen ihr Beziehungsleben gestalten.

Im Grunde sind Mottomonate so etwas Ähnliches auf der Interessensebene. Ich lasse mich für eine Weile auf ein Thema ein, bin in dieser Zeit dann "treu", beschäftige mich also nicht noch mit tausend anderen Dinge nebenbei. Aber dann taucht ein neues Thema auf, dem ich mich wieder voll und ganz widme. Die Mottomonate sind ein Mittel, ein Werkzeug, das mir dabei hilft, die Dinge, die mich interessieren und die ich machen möchte, wirklich zu machen. Die Zeit zerrinnt sonst im Alltag so leicht unter den Händen.

Es gibt aber natürlich auch andere Varianten, um sich auf eine Sache zu fokussieren.

Mein Mann hat zum Beispiel Phasen. Er vertieft sich etwa plötzlich in die alte griechische Philosophie. Oder malt, spielt Gitarre, lernt chinesische Zeichen... Jeden Tag, wochenlang, monatelang. Und dann ist es plötzlich wieder vorbei. Er braucht keine Mottomonate, seine Phasen kommen und gehen von alleine, und solange sie dauern, nimmt er sich dafür Zeit. (Eine Fähigkeit, die, zumindest meiner Beobachtung nach, bei Männern verbreiteter ist als bei Frauen.)

Eine Freundin, die unzufrieden war, weil ihre eigene Kreativität im Berufsalltag immer zu kurz kam, hat beschlossen - angeregt durch die Mottomonate - sich einen Tag in der Woche für ihr eigenes Schreiben zu reservieren. Alles andere muss dann eben sonstwann erledigt werden oder warten. Das hat einen enormen Kreativitätsschub ausgelöst. Diese Lösung erinnert an eine Fernbeziehung: Man trifft sich selten, ist aber dann ganz für den anderen da ist.

Um dann gibt es natürlich auch noch diejenigen, die gar nicht immer wechseln wollen, weil sie etwas gefunden haben, das so viele Bereiche und Möglichkeiten in ihnen anspricht, dass es sie dauerhaft zufrieden macht. Eine Freundin von mir ist eine begeisterte Hobbyschneiderin. Sie hätte überhaupt keine Lust, nach einem Monat oder sechs Wochen damit aufzuhören, um etwas anderes zu tun. Das ist dann keine serielle, sondern andauernde Monogamie. Und - wie im sonstigen Leben auch - ein Sonder- oder Glücksfall.

Immer aber geht es darum, sich für etwas Zeit zu nehmen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich viel zufriedener bin, wenn ich mich auf eine Sache konzentriere. Ich fühle mich weniger zerrissen, ich steige tiefer ein, "vertiefe mich" in etwas, was wiederum befriedigender ist. Und es passieren mehr überraschende, unerwartete Dinge, weil ich offener dafür bin. Im Grunde geht es auch hier um Resonanz, "das Sich-Einlassen auf die Dinge sowie die Bereitschaft, sich selbst zu verändern..." (Hartmut Rosa: Resonanz, siehe auch Post vom 31.1.19)

Montag, 20. Mai 2019

"Ein Europäer ist jemand, ...

... der sich nach Europa sehnt", hieß es in einer Rede am Sonntag auf dem Hamburger Rathausmarkt. Unter dem Motto "Ein Europa für Alle" - hatte ein breites Bündnis verschiedener Verbände und Initiativen eine Woche vor der Europawahl in vielen europäischen Ländern zu Demonstrationen aufgerufen. In Deutschland waren rund 150.000 dem Aufruf gefolgt, in Hamburg sollen es 15.000 gewesen sein. Das Europa, das dort beschworen wurde, war allerdings nicht unbedingt die jetzige Europäische Union. Die Redner*innen forderten ein soziales, solidarisches, demokratisches Europa, ohne Abschottung und Neoliberalismus, das sich für den Klimaschutz einsetzt und in dem alle die gleichen Chancen haben. Ein Europa, nach dem man sich sehnen kann.
Das Wetter war gut, die Stimmung friedlich, die Plakate bunt. Hier ein paar Eindrücke aus Hamburg:

Früh übt sich, ...
Sei wie ein Panda!


Samstag, 18. Mai 2019

MoMo5: Wie lange dauert ein Mottomonat?

Da Mottomonate eher individuelle als kalendarische Zeiteinheiten sind, ist das eine berechtigte Frage.

Ich experimentiere damit seit etwa zweieinhalb Jahren und habe meistens länger als einen Monat für ein Thema gebraucht, im Durchschnitt vielleicht sechs Wochen. Dann erst hatte ich das Gefühl So! jetzt kann (und soll) wieder etwas Neues kommen. Dieses Jahr wollte ich mich mal an den Kalender halten, nicht zuletzt für die Dokumentation in diesem Blog. Und das Ergebnis: Nach vier Monaten geht mir alles zu schnell und ich brauche ein Freispiel, einen Schaltmonat sozusagen.

Wie lange ein Mottomonat dauert, ist von vielen Faktoren abhängig: Wie viel Freiraum kann ich mir gerade dafür nehmen? Welche anderen Dinge beanspruchen meine Zeit und Aufmerksamkeit (Job, Beziehung, Kinder, Freunde, ...)? Wie komplex ist das Thema? Und wie sehr packt es mich? ...
Wer also am Ende des Monats das Gefühl hat, unbedingt noch beim aktuellen Thema bleiben zu wollen, sollte das tun. Es geht schließlich nicht um die Einhaltung von Regeln, sondern darum, sich Freiräume zu schaffen und dabei vielleicht auch etwas über sich und die eigenen Rhythmen herauszufinden.

Trotzdem scheint es mir wichtig, dass es einen Endpunkt gibt. Ich zumindest kann mich intensiver auf eine Sache einlassen und alles andere beiseite oder hintan stellen, wenn ich weiß, dass irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, wieder Raum für andere Dinge sein wird.
Das kann auch ein Schubs sein. Los, jetzt mach mal, der Monat ist bald zu Ende. Du wolltest doch noch...

Samstag, 11. Mai 2019

MoMo5: Der Fotograf Michael Wolf ist tot

Vor kurzem habe ich erfahren, dass Michael Wolf, dessen Fotoausstellung "LIFE IN CITIES" mich im Januar so begeistert hat (siehe), am 24. April in Hongkong gestorben ist. Er war erst 64 Jahre alt.

Hier ein Interview mit ihm auf Vimeo von 2011. Er spricht (auf Englisch) über sein Fotoprojekt, für das er Bilder aus Google Street View benutzt hat. Eine ganz besondere Art der Straßenfotografie. 2011 wurde er von der World Press Photo Jury dafür ausgezeichnet. Das löste eine kontroverse Diskussion aus. https://vimeo.com/24782108

Bilder aus dieser Serie und noch viel mehr kann man auf seiner Website sehen. Sehr empfehlenswert! http://photomichaelwolf.com/

Mittwoch, 8. Mai 2019

MoMo 5: Straßenfotografie

Der Workshop Street Photography am Wochenende war spannend!

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass ich näher rangehen und Motive frontal knipsen sollte - und nicht schräg von der Seite, wozu ich neige, weil ich dann als Fotografin nicht so auffalle. Die Kamera auf fremde Menschen zu richten ist ein heikles Thema. Aber Straßenfotografie lebt natürlich von Menschen und dem, was in einem bestimmten Moment zwischen ihnen (und ihrer Umgebung) passiert. Zum Glück waren wir am Sonntagmorgen auf dem Fischmarkt, wo sowieso alles voller Touristen ist und alle ständig am Knipsen sind.
Wichtig ist auch die Schnelligkeit. Man muss sofort reagieren können. Deshalb war die Technik einfach: "Alles auf Automatik stellen!" Mit meiner kleinen Kompaktkamera wäre ich allerdings aufgeschmissen gewesen. Wenn ich da auf den Auslöser drücke, wird erst gefühlte 30 Sekunden später das Bild geknipst. Bis dahin hat sich die anvisierte Person längst umgedreht oder ist aus dem Bild gelaufen. Zum Glück bekam ich den Fotoapparat einer Freundin geliehen, eine digitale Spiegelreflexkamera, und es war tatsächlich ein völlig anderes Gefühl, damit zu fotografieren. Jetzt bin ich wieder am Überlegen, ob ich nicht vielleicht doch in eine gute Kamera investieren sollte...

Das Fotografieren hat viel Spaß gemacht, aber das Ergebnis fand ich etwas enttäuschend. Ich glaube, ich muss noch ziemlich üben und meinen Blick schulen. 
Hier trotzdem ein paar von meinen Fotos. Aus Datenschutzgründen konnte ich leider nur welche wählen, auf denen man niemanden erkennen kann.

Fischmarkt: Nach der Party
Hauptbahnhof: Licht und Schatten

Fischmarkt: Müll und Medien
Fischmarkt: Runde Formen

Samstag, 4. Mai 2019

Fünfter Mottomonat 2019: Freispiel

Der Mai ist ein Freispiel, sozusagen ein Mottomonat ohne Motto. Ich brauche, wie schon angedeutet, eine Pause, um all die interessanten Dinge aus den letzten Monaten noch einmal in Ruhe auf mich wirken zu lassen. Und vielleicht die kommenden vorzubereiten. Davon werde ich dann jeweils berichten. Außerdem möchte ich die Zeit nutzen, um für den Blog einige theoretische Gedanken zu den Mottomonaten aufzuschreiben.

Dieses Wochenende greife ich den ersten Mottomonat "Fotos" wieder auf: Ich mache einen Workshop "Street Photography" bei dem Fotografen Achim Sperber.




Mittwoch, 1. Mai 2019

MoMo4: Resümee

Das war ein schöner Mottomonat!

Ich habe ein paar Dinge gemacht, die ich schon seit Ewigkeiten ausprobieren wollte, die aber ohne Mottomonat vielleicht doch wieder untergegangen wären: die Wildkräuterwanderung, -sammlung, und -verkostung zum Beispiel. Und die Vogelstimmenwanderung. Auch wenn mir in beiden Fällen vor allem deutlich wurde, wie viel ich nicht weiß, ist es ein Anfang. Wenn ich jedes Jahr zwei Wildkräuter und zwei Vogelstimmen dazulerne, bin ich in zehn Jahren schon eine halbe Expertin!

Zufalls-Balkon-Biotop nach zwei Jahren
Was das Gärtnern betrifft: Die Tomatenpflänzchen kümmern leider immer noch vor sich hin, aber ich mache mir da jetzt keinen Stress mehr. Vielleicht ist es auch wirklich Quatsch, im Norden ohne Gewächshaus und Südbalkon üppige Tomatenstauden ziehen zu wollen. Dafür habe ich Bienenschmaus, Spinat und Ruccola gesät, Minze, Zitronenmelisse und Rosmarin sind auch da und im Hochbeet wachsen - hoffentlich - bald Kartoffeln und Salat. Nächstes Jahr werde ich das alles lockerer angehen. Man kann zum Beispiel auch einfach einen Blumentopf mit Erde auf den Balkon stellen und abwarten, was passiert, welche Samen zufällig herbeigeweht werden, keimen, wachsen...

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass ich seit Anfang des Jahres durch die Mottomonate so viel Neues gehört, erlebt und gelernt habe, dass ich erst einmal ein kleine Pause brauche, um das alles zu verarbeiten und zu vertiefen.