"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Donnerstag, 5. November 2020

Herbstgedichte - zwischen Fülle und Melancholie

"Im traurigen Monat November war's / Die Tage wurden trüber, ...", heißt es bei Heinrich Heine in "Deutschland, ein Wintermärchen". Ja, es ist November geworden und dieser Monat hat einen schlechten Ruf, gilt er doch als hässlicher kleiner Bruder des "goldenen" Oktober. Er beginnt gleich
mit dem Totengedenkttag, die Tage sind schon verdammt kurz und werden jeden Tag noch ein paar Minuten kürzer und trotzdem ist es zur Wintersonnwende und zum weihnachtlichen Lichterglanz noch weit hin. Vom Frühling - "welch sagenhaft fernes Gerücht!" (Mascha Kaléko) - gar nicht erst zu reden.

Veränderung

Das Doppelgesicht des Herbstes, der Übergang von einer Zeit der Fülle, der Ernte, der buntgefärbten Natur zu Dunkelheit, Kälte und Melancholie spiegelt sich in vielen Herbstgedichten wieder. Im "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke ist in den ersten beiden Strophen von "Sonnenuhren", "Früchten", "Vollendung" "Süße" und "Wein" die Rede, bevor der berühmte Vers folgt: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben." Der expressionistische Dichter Paul Zech beginnt ein Herbstgedicht mit dem großartigen Satz: "In Glanz und Gnade brennt der Wald zu Tal / Die Bäume halten ihr Gefühl nicht mehr" und endet mit "Der Regen rauscht, vertauscht das Tal. / Der Wald steht schwarz und abgedrängt."

Heine, Zeichnung F.T. Kugel
 Vergänglichkeit

Die Veränderung in der Natur mahnt an die Vergänglichkeit des Lebens überhaupt.  "Das gelbe Laub erzittert, / Es fallen die Blätter herab. / Ach! alles was hold und lieblich, / Verwelkt und sinkt ins Grab!", dichtet Heine. Das "tiefe Weh um Schönheit, die verdirbt" (M. Kaléko), gilt auch für Liebesbeziehungen. "Autumn Leaves", ein Jazzklassiker (nach dem französischen Chanson "Les feuilles mortes") besingt die Sehnsucht nach der (oder dem) verlorenen Geliebten, die besonders stark wird, wenn draußen die Blätter fallen. "But I miss you most of all my darling, when autumn leaves start to fall."

Einsamkeit

Und so scheint der Herbst die Zeit der Einsamkeit zu sein, wie es in dem Gedicht von Rilke oben schon anklingt. "Trübe Wolken, Herbstesluft / Einsam wandl' ich meine Straßen / Welkes Laub, kein Vogel ruft / Ach, wie stille! wie verlassen!" (Nikolaus Lenau: "Herbstentschluß"). "Wie welkt das Herz des wandermüden Fremden, / Der nur die Einsamkeit zur Heimat hat..." (M. Kaléko: "Herbstlicher Vers"), Die Natur legt sich auf die Seele, die trüben Wolken trüben auch die Stimmung. "Wenn ich abends einsam gehe / Und die Blätter fallen sehe / Finsternisse niederwallen..." (Christian Friedrich Hebbel: "Spaziergang am Herbstabend"). 

Melancholie international

Die Herbstmelancholie scheint nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt. Sie spricht auch aus japanischen Haikus:

An einem Abend im Herbst / ist es nicht leicht / ein Mensch zu sein. (Issa)

Kahler Herbst. / Nur die Wand nimmt Anteil / an meiner Klage (Issa)

Der Gott ist fern / Die welken Blätter häufen sich / ums verlassene Haus. (Basho)

Doch kann man das alles so unwiedersprochen stehenlassen? Haben der Herbst und gerade auch der November nicht auch positivere Seiten zu bieten? Dazu dann mehr im nächsten Beitrag.

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