"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Dienstag, 20. Januar 2026

Bücher im Januar (1)

Seit 1999 bin ich Mitglied in einer Lesegruppe bzw. einem Literaturkreis oder wie immer man das nennen will. Die Zusammensetzung hat sich zwischendurch geändert, aber seit vielen Jahren sind wir eine stabile Gruppe von acht Frauen. Wir treffen uns einmal im Monat reihum, es gibt zunächst ein köstliches Abendessen, wir quatschen über alles Mögliche, und dann reden wir über das Buch, das wir im Monat vorher ausgewählt haben. Unsere Kriterien: Das Buch ist ein Roman, wurde von einer Frau geschrieben und ist schon als Taschenbuch oder gebraucht erhältlich. 

Im Januar war endlich Antichristie von Mithu Sanyal an der Reihe. 

"Die Geschichte unserer Welt wurde immer wieder geändert.  Dafür musste ich nicht in die Vergangenheit reisen. Alles, was ich tun musste, war, die Geschichten zu ändern, die wir uns darüber erzählen." 

Ein unglaubliches Buch! Zeitreise, Krimimalgeschichte, Medienspektakel, historischer Roman, Essay, Familiengeschichte, Popkultur, alles drin und alles gehört zusammen. 

Die Drehbuchautorin Durga, Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter reist nach London, wo sie in einem diversen Team an einer postkolonialen Variante einer Agatha-Christie-Verfilmung mitwirken soll. Dageben gibt es Widerstand, Demonstrationen vor dem Bürogebäude. Und dann stirbt auch noch die Queen, während Durga noch mit dem überraschenden Tod ihrer Mutter zu kämpfen hat. Plötzlich findet sie sich jedoch auch als junger indischer Mann im London zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder, im India House, wo sich damals die indischen Revolutionäre treffen, um die Unabhängigkeit Indiens zu planen. Wie kann richtiger Widerstand in einer falschen Welt aussehen, das ist hier die Frage. Gewaltfreiheit oder blutige Revolution? Wird man seinen Feinden ähnlich, wenn man zu den gleichen Mitteln greift wie sie? Die Frage wird nicht wirklich beantwortet, so viel sei hier verraten, sondern in ihrer ganzen Komplexität ausgebreitet, was ich großartig finde. Man sollte Sachen nicht einfacher machen, als sie sind. Ich habe in diesem Buch sehr viel über den englischen Kolonialismus, die indische Unabhängigkeitsbewegung und den Konflikt zwischen Moslems und Hindus gelernt. Schon weil ich ständig nachgegoogelt habe, um das alles besser zu verstehen. Aber das Buch ist gleichzeitig auch sehr witzig, vor allem in den Dialogen im Filmteam, und berührend, wenn es um etwa um die schwierige Beziehung zwischen Durga und ihrer Mutter geht. 

In der Lesegruppe waren die Reaktionen gemischt. Den meisten hat es gefallen, aber zwei haben nach einem Drittel aufgegeben. Das Buch war ihnen zu vielschichtig, thematisch zu überladen, zu viele unbekannte Namen, sie konnten keine Empathie für jemanden empfinden, was das Weiterlesen erleichtert hätte. In vielen Rezensionen wird das Buch ähnlich bewertet. Ich habe eine Weile gebraucht, um reinzukommen. Aber dann war es ein großes intellektuelles Vergnügen und ich habe mich jeden Tag aufs Weiterlesen gefreut. Große Empfehlung!!

Mithu Sanyal: Antichristie. Hanser Verlag, 544 Seiten. 

 

Dienstag, 13. Januar 2026

Winterzauber und dritte PRÜF-Demo in Hamburg

Bevor der ganze Schnee weggetaut ist, muss ich das Winterwetter in diesem Jahr noch einmal würdigen. Ja, es gab Schnee! In Hamburg! Und zwar richtig viel und er verwandelte sich auch nicht schon am nächsten Tag in Matsch, sondern blieb über eine Woche und verzauberte die ganze Umgebung.


Im nahe gelegenen Park wurden überall Schneemenschen gebaut. 

Das ist doch etwas sehr Schönes am Menschen, dachte ich bei mir: Diese Grundkreativität, die zum Vorschein kommt, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Auch wenn alle wissen, dass die Kunstwerke schon bald wieder getaut sein werden. Oder den nächsten Kindergartenanstum nicht überstehen.

Alle schienen gute Laune zu haben. Von den Grabsteinen (der Park ist ein aufgelassener Friedhof) wurden Mini-Schanzen gebaut, auf denen Kinder juchzend Schlitten fuhren.


 


PRÜF-Demo am 10. Januar

Auch die dritte PRÜF-Demo in Hamburg (mehr) stand noch unter dem Zeichen des Schnees. Trotz des winterlichen Wetters waren wieder rund 5000 Menschen gekommen. 
 
Als wir nach etwa einer Stunde aufgefordert wurden, Schneemenschen zu bauen, war ich erst etwas ungnädig. Der Boden war festgetrampelt und ich wollte endlich losgehen, um meine kalten Füße wieder warm zu bekommen. Aber viele beteiligten sich offensichtlich mit viel Spaß an der Aktion. Am Ende sollen - laut Hamburger Abendblatt - fast 1000 Schneemenschen auf dem Platz zurückgeblieben sein. 
Als Mahnung an die Hamburger Bürgerschaft, die diese Woche am Mittwoch auf Antrag der regierenden SPD/Grünen über die Unterstützung eines AfD-Verbotsverfahrens debattiert und abstimmt.
 
 


Montag, 29. Dezember 2025

Kleinode des Alltags - Der Fotokalender 2026 von Tanja Soler Zang

solza-kalender-2026

 
Auch in diesem Jahr möchte ich wieder auf den Fotokalender der Hamburger Künstlerin Tanja Soler Zang aufmerksam machen. Diese "Kleinode des Alltags" laden dazu ein, selbst mit einem anderen Blick durch die Stadt zu gehen und Dinge zu bemerken, über die man sonst leicht hinwegsieht. Ein guter Vorsatz für das neue Jahr.  
 
"Erst kommt das Staunen und dann das Fotografieren. Dabei offenbart mir manche Treppe erst bei Nacht ihr gesamtes Ausmaß. Eine Fahrbahnmarkierung auf der Straße regt mich zu kreativer Verkehrsführung an. Und ich werde das farbenfrohe Fallrohr der Bauschuttrutsche nach der Gebäudesanierung bestimmt vermissen. Mit Staunen und mit Bewunderung huldige ich in meiner Fotografie diesen Kleinoden des Alltags. Diese einzufangen bildet die Grundlage für meinen SOLZA-Kalender 2026." (Zitat von der Website). 
 
Der Kalender kann auf der Website der Künstlerin heruntergeladen werden. Und da lässt sich auch sonst noch manches entdecken. 

 

Freitag, 19. Dezember 2025

Zweite PRÜF-Demo in Hamburg

Am 13. Dezember fand die zweite PRÜF-Demo in Hamburg statt. PRÜF steht für Prüfen rettet übrigens Freiheit. Initiiert wurde die Kampagne vom Satiriker und Comedian Nico Semsrott, einigen vielleicht bekannt als "Demotivationstrainer" mit Kapuzenpullover aus der heute show.

Die Initiative hat eine einzige Forderung: 

"Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden."

Um das zu erreichen, wird jeden zweiten Samstag im Monat demonstriert. Ziel ist es, Druck auf die Landesregierungen auszuüben, damit sie im Bundesrat einen Antrag auf Prüfung durch das Bundesverfassungsgericht einreichen. Bisher sind drei Bundesländer dafür, einige müssen also noch überzeugt werden, unter anderem Hamburg. Die erste Demo fand am 8. November in Hamburg statt, im Dezember wurde auch schon in München demonstriert und im Januar ist dann auch Düsseldorf mit dabei. 

Nico Semsrott auf der Demo in HH
Aber was schreibe ich lange: Das alles kann man viel besser (und amüsanter) im Erklärvideo von Nico Semsrott erfahren. 

Weitere Infos hier.

Ich finde die Idee jedenfalls überzeugend und habe mir schon alle Demo-Termine für nächstes Jahr in meinen Kalender eingetragen. 

Abgesehen davon ist es auch ein interessantes soziales Experiment. Wird es gelingen, die Initiative auszuweiten? Werden die Demos größer werden? Und in immer mehr Landeshauptstädten stattfinden? Und werden die Leute einen langen Atem haben? 

 



 

Sonntag, 19. Oktober 2025

Chinareise 2025

Wir hatten uns vor der Reise ziemlich Stress gemacht, ob wir uns noch in China zurecht finden würden (siehe letzter Post) oder ob China zu modern für uns geworden wäre. Von selbstfahrenden Taxis in Peking und Roboter-Polizisten in Guangzhou war die Rede gewesen. Das mag es alles geben, wir haben es aber nicht gesehen. Wir sahen Taxis, die man wie früher herbeiwinken konnte (auch wenn die meisten eine App dafür benutzen) und selbst mit Bargeld kann man noch bezahlen. Auch wenn das kaum mehr jemand macht. Die meisten benutzen WeChat oder Alipay. Auch wir und es hat problemlos funktioniert. Tatsächlich ist Reisen in China heute viel einfacher als vor 20 Jahren, als wir noch dort lebten. Damals war es immer unglaublich anstrengend, Zugfahrkarten zu besorgen. Auch die Hotelsuche war ein Glücksspiel, vor allem, wenn man nachts irgendwo ankam und keine Orientierung hatte. Jetzt konnten wir alles bequem im Voraus per Handy buchen (wir benutzten trip.com) und es hat super funktioniert. Und Gaode bzw. Amap war ein guter Ersatz für Googlemaps. 

Wolkenkratzer bei der Arbeit, Guangzhou
Bahnhofswartehalle in Nanjing

Ja, China ist modern und digital. Wir waren beeindruckt, dass es jetzt 19 U-Bahn-Linien in Beijing gibt. Als wir 2003 ankamen, waren es gerade mal zwei und eine dritte war im Bau. Wir haben die Hochgeschwindigkeitszüge genossen, die sauber, schnell und pünktlich alle größeren Städte verbinden (das Netz wird weiter ausgebaut). Es gibt überall ausleibare Powerbanks, damit einem bloß nicht das Handy ausfällt. Und natürlich Wolkenkratzer, Glas und Stahl, große Autostraßen und riesige Shoppingmalls.

Aber es gibt auch noch das China jeseits dieser sauberen, sterilen Hightech-Welt, ein schmuddligeres China, chaotisch und improvisiert, mit kleinen Gassen, Stromkabelgewirr, streunenden Katzen, Essensständen auf der Straße, großen Märkten. Ein China, in dem Leute vor ihren Miniläden sitzen und ein Schläfchen halten, Männer auf der Straße Schach spielen und Leute abends tanzen oder Karaoke singen. Ein sehr lebendiges, wuseliges und herzerwärmdendes China. Das hat mich gefreut. Auch dass wir so viele nette Gespräche mit verschiedenen Leuten hatten. 

 

Neue Altstadt in Datong

Was die Stadtplanung betrifft, so hat vor ca. 15-20 Jahren anscheinend ein Umdenken eingesetzt. Natürlich ist jede größere (und kleinere) chinesische Stadt von Hochhäusern umzingelt. Wo sollen die Leute auch alle leben? Aber in den Innenstädten restauriert man jetzt sorgfältig einzelne alte Viertel. Oder man lässt gleich eine ganze Stadtmauer und Altstadt neu erstehen wie in Datong. Das Problem ist, dass die Leute, die vorher da gewohnt haben, in der Regel vertrieben werden und das Ganze für den (innerchinesischen) Tourismus hergerichtet wird. Es gibt auch noch "echte" alte Städte wie Pingyao, die früher für die Modernisierung zu arm waren und jetzt von der Sehnsucht nach den alten Zeiten profitieren. 

Alte Altstadt in Pingyao
 

Guangzhou
Von den Städten hat es uns dieses Mal besonders Guangzhou (Kanton) angetan. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein war diese Metropole am Perlfluss die einzige Stadt, in der Ausländer Handel treiben durften. Auch heute noch ist es eine geschäftige, lebendige, dem Handel verschriebene Stadt mit interessanten Gebäuden aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die einzige Stadt unseres Wissens in China, in der es auch eine große ausländische Community von Händlern aus Afrika, Indien, Pakistan... gibt. Im Stadtteil Xiaobei findet man plötzlich Falafel, türkische Restaurants, äthiopische Cafés. Für mich macht eine internationale Atmophäre immer viel für den Reiz einer Stadt aus. 

 

Multikulti in Guangzhou
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber es gibt nicht nur Städte, sondern auch wunderschöne Landschaften in China. Wir haben den Hengshan in Shanxi bestiegen, einen heiligen daoistischen Gebirgszug, und waren ganz verzaubert von den Bergen und Schluchten um das Dorf Dehang, das von der Gruppe der Miao bewohnt wird.

Auf dem Hengshan

Dehang

Also insgesamt eine sehr schöne und interessante Reise. Und es gibt so viele Dinge, die wir noch nicht gesehen und besucht haben.... Hoffentlich verlängert die chinesische Regierung die Visumsfreiheit für Deutschland (30 Tage) noch ein paar Jahre!

Montag, 25. August 2025

Wir reisen nach China !!!!

Jetzt wartet das nächste Abenteuer: Heute fliegen Jupp und ich für vier Wochen nach China. 

Wir waren dort zuletzt 2019, vor der Pandemie. In einem Land, das sich so rasant entwickelt, ist das eine lange Zeit. Damals konnte man noch mit Bargeld bezahlen und ein Taxi auf der Straße mit der Hand heranwinken. Das soll, wenn man Berichten und Erlebnisvideos glauben darf, alles nicht mehr möglich sein. Wir haben uns also viele Apps heruntergeladen, die angeblich unbedingt nötig sind, um zu bezahlen, um ein Taxi zu rufen, um Züge zu buchen, um sich zurechtzufinden (Google Maps funktioniert oft nicht) etc. Mal sehen, ob wir jetzt ausreichend gerüstet sind. Aber irgendwie werden wir schon klar kommen. 

Auf jeden Fall freuen wir uns, ein paar alte Freunde in Beijing zu besuchen, heilige daostische Berge zu besteigen, neue Städte zu erkunden (Nanjing, Guangzhou), vielleicht dort Tango zu tanzen, die neuen Hochgeschwindigkeitszüge auszuprobieren, kalte Nudeln (liang pi) zu essen... Noch ist das meiste nicht geplant, nur der Hinflug (nach Beijing), der Rückflug (von Guangzhou) und die Unterkunft für die ersten fünf Tage stehen fest.

Nach der Reise werde ich erzählen, wie es uns ergangen ist. 

Donnerstag, 21. August 2025

Konfuzius, Laozi & Co. - Schülerakademie China 2025

Man lernt nie aus
Unsere "Kursbibliothek"

Mitte Juli bis Anfang August haben Jupp und ich wie letztes Jahr während der Schülerakademie China einen Kurs zur chinesischen Philosophie (und ihre Relevanz für die heutige Zeit) geleitet. Standort war auch dieses Mal Coesfeld (bei Münster) und die Jugendlichen (16 bis 19 Jahre alt) kamen aus ganz Deutschland dorthin. Außer der Philosophie gab es noch Kurse zu Chinas Wirtschaftssystem, Geopolitik und Wirtschaft in Greater China, Chinabilder und China vor 1000 Jahren (Song Dynastie). 

Konfuzius als Moderator

Wieder waren wir beeindruckt, wie motiviert und vielfältig talentiert die jungen Leute waren, wie engagiert sie sich an der Gruppenarbeit und den Diskussionen beteiligten. Am letzten "bunten Abend", den die Teilnehmenden selbst gestalteten, führte ein Jugendlicher aus unserem Kurs als Konfuzius verkleidet durch das Programm (siehe Foto).

Auch im Team (Kursleitung und Organisationsleitung) waren wieder spannende Leute. Wir waren, neben einer Chinesischlehrerin, bei weitem die Ältesten, "Großmutter und Großvater des Kurses", wie es eine Teilnehmerin charmant ausdrückte. Aber ich glaube, durch unsere Lebenserfahrung konnten wir eine Perspektive von Gelassenheit einbringen, die der Gesamtatmosphäre gut getan hat. 

Man kann nur hoffen, dass dieses Projekt weitergeht und die Finanzierung irgendwann dauerhaft gesichert ist.