Seit 1999 bin ich Mitglied in einer Lesegruppe bzw. einem Literaturkreis oder wie immer man das nennen will. Die Zusammensetzung hat sich zwischendurch geändert, aber seit vielen Jahren sind wir eine stabile Gruppe von acht Frauen. Wir treffen uns einmal im Monat reihum, es gibt zunächst ein köstliches Abendessen, wir quatschen über alles Mögliche, und dann reden wir über das Buch, das wir im Monat vorher ausgewählt haben. Unsere Kriterien: Das Buch ist ein Roman, wurde von einer Frau geschrieben und ist schon als Taschenbuch oder gebraucht erhältlich.
Im Januar war endlich Antichristie von Mithu Sanyal an der Reihe."Die Geschichte unserer Welt wurde immer wieder geändert. Dafür musste ich nicht in die Vergangenheit reisen. Alles, was ich tun musste, war, die Geschichten zu ändern, die wir uns darüber erzählen."
Ein unglaubliches Buch! Zeitreise, Krimimalgeschichte, Medienspektakel, historischer Roman, Essay, Familiengeschichte, Popkultur, alles drin und alles gehört zusammen.
Die Drehbuchautorin Durga, Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter reist nach London, wo sie in einem diversen Team an einer postkolonialen Variante einer Agatha-Christie-Verfilmung mitwirken soll. Dageben gibt es Widerstand, Demonstrationen vor dem Bürogebäude. Und dann stirbt auch noch die Queen, während Durga noch mit dem überraschenden Tod ihrer Mutter zu kämpfen hat. Plötzlich findet sie sich jedoch auch als junger indischer Mann im London zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder, im India House, wo sich damals die indischen Revolutionäre treffen, um die Unabhängigkeit Indiens zu planen. Wie kann richtiger Widerstand in einer falschen Welt aussehen, das ist hier die Frage. Gewaltfreiheit oder blutige Revolution? Wird man seinen Feinden ähnlich, wenn man zu den gleichen Mitteln greift wie sie? Die Frage wird nicht wirklich beantwortet, so viel sei hier verraten, sondern in ihrer ganzen Komplexität ausgebreitet, was ich großartig finde. Man sollte Sachen nicht einfacher machen, als sie sind. Ich habe in diesem Buch sehr viel über den englischen Kolonialismus, die indische Unabhängigkeitsbewegung und den Konflikt zwischen Moslems und Hindus gelernt. Schon weil ich ständig nachgegoogelt habe, um das alles besser zu verstehen. Aber das Buch ist gleichzeitig auch sehr witzig, vor allem in den Dialogen im Filmteam, und berührend, wenn es um etwa um die schwierige Beziehung zwischen Durga und ihrer Mutter geht.
In der Lesegruppe waren die Reaktionen gemischt. Den meisten hat es gefallen, aber zwei haben nach einem Drittel aufgegeben. Das Buch war ihnen zu vielschichtig, thematisch zu überladen, zu viele unbekannte Namen, sie konnten keine Empathie für jemanden empfinden, was das Weiterlesen erleichtert hätte. In vielen Rezensionen wird das Buch ähnlich bewertet. Ich habe eine Weile gebraucht, um reinzukommen. Aber dann war es ein großes intellektuelles Vergnügen und ich habe mich jeden Tag aufs Weiterlesen gefreut. Große Empfehlung!!
Mithu Sanyal: Antichristie. Hanser Verlag, 544 Seiten.

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