"Was machen Sie beruflich?"


Das berufliche Leben als Patchwork, entstanden aus Neigungen, Begabungen und - dem Zufall. Einige "Grundfarben" tauchen immer wieder auf und halten alles zusammen. Mein besonderes Interesse gilt: Sprache(n); anderen Menschen und ihren Lebensgeschichten; alternativen Lebensentwürfen jenseits von Konsum und Hektik; fremden Kulturen (insbesondere China) und den reizvollen Unwägbarkeiten interkultureller Begegnungen.

Montag, 25. November 2019

MoMo11: Das Glück der Fülle

Auf der Suche, nein, nicht nach dem Glück, sondern nach Büchern über das Glück, bin ich auf ein schmales Bändchen des Philosophen Wilhelm Schmid gestoßen, das mir gut gefallen hat.

Schmid unterscheidet verschiedene "Glücke". Das ist zunächst das Zufallsglück (engl. luck, frz. fortune). Der Lottogewinn, die unverhoffte Begegnung, das unerwartete Angebot. Das Zufallsglück kann nicht geplant werden, der Mensch kann nur versuchen, offen dafür zu sein und "das Schmetterlingsnetz bereithalten, in dem ein Zufall sich verfangen kann".

Dann gibt es das Wohlfühlglück (engl. happiness, frz. bonheur). Gesund sein, sich wohl fühlen, Spaß und Erfolg haben, Lust empfinden, Abenteuer erleben, also all die Dinge zur Verfügung haben, die als positiv und erstrebenswert gelten. Anders als das Zufallsglück kann man für das Wohlfühlglück einiges tun, es ist "machbar". Doch es ist nicht von Dauer, das klingt schon im französischen Bonheur, der "guten Stunde" an. Auch vom exquisitesten Essen wird man irgendwann satt, auch der tollste Sex ist irgendwann zu Ende und der Zauber des Neuanfangs verfliegt und weicht der Routine. "Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt..., weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung."

Dem setzt Schmid das Glück der Fülle entgegen, das die grundsätzliche Polarität des Lebens mit heiterer Gelassenheit akzeptiert. "Nicht nur Gelingen, auch Misslingen; nicht nur Erfolg, auch Misserfolg; nicht nur Lust, auch Schmerz; nicht nur Gesundheit, auch Krankheit; nicht nur Fröhlichsein, auch Traurigsein; nur nur Zufriedensein, auch Unzufriedensein. Nicht nur erfüllte, sondern auch leere Tage..." Das erfüllte Leben sei dann wie das Atmen zwischen beiden Polen. "Die gesamte Weite der Erfahrungen zwischen Gegensätzen vermittelt erst den Eindruck, wirklich zu leben und das Leben voll und ganz zu spüren." Anders als Zufalls- und Wohlfühlglück ist das Glück der Fülle von Dauer, da es nicht nur eine Gelegenheit oder ein Moment ist, sondern eine grundsätzliche Haltung dem Leben gegenüber.

Doch eigentlich, so Schmid, geht es bei der ganzen hektischen Suche nach dem Glück um etwas anderes.

Es geht in Wahrheit um die Suche nach Sinn. Sinn verstanden als Zusammenhang auf allen Ebenen.* Über ihre Sinne verbinden sich Menschen mit der Außenwelt; Beziehungen aller Art (Liebe, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, aber auch in der Arbeit, zur Natur) wirken sinnstiftend, weil sie Zusammenhänge herstellen; im Denken, in der Reflexion versuchen Menschen persönliche, gesellschaftliche und historische Erfahrungen in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen; und nicht zuletzt suchen sie den größeren Zusammenhang in spirituellen Wegen. Die moderne Wohlstandsgesellschaft hat den Menschen aus vielen alten Zusammenhängen und Zwängen befreit (Religion, Hierarchien, Familie, Gesellschaft) und dabei ist ungewollt auch vieles, was vorher Sinn stiftete, zerbrochen und hat ein Gefühl von Leere, Sinnlosigkeit, Einsamkeit zurückgelassen. Schmidt plädiert deshalb für eine "veränderte, andere Moderne", die die "Arbeit am Sinn" in den Mittelpunkt stellt. "Anders wird diese Moderne sein, da es in ihr nicht mehr nur um die negative Freiheit der Befreiung geht, sondern um die positive Freiheit neuer, frei gewählter Bindungen. Nicht ein Zurück zu vormodernen Verhältnissen, sondern vielfache neue Bindungen von Individuen an sich selbst, an Andere, an die Natur, an eine Religion stehen dabei in Frage."

* Das erinnert an das, was Hartmut Rosa mit "Resonanz" beschreibt (siehe).

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